Präsidentschaftswahl in Kolumbien inmitten steigender Gewalt
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von AgenturenPolitische Gewalt überschattet Wahlkampf.
Bild: APA/APA/AFP/JOAQUIN SARMIENTO
Am Sonntag wählt Kolumbien einen neuen Präsidenten oder eine neue Präsidentin. Drei Kandidaten kämpfen um den Einzug in die erwartete Stichwahl: Der linksgerichtete Kandidat Iván Cepeda verspricht Kontinuität der Politik von Noch-Präsident Gustavo Petro. Die konservative Kandidatin Paloma Valencia versucht, sowohl moderate als auch rechtsgerichtete Wähler abzufangen. Und der ultrarechte Kandidat Abelardo de la Espriella kündigt hartes Durchgreifen gegen die Guerillas an.
Unsicherheit und steigende Gewalt sind die dominanten Themen des Wahlkampfs. Insgesamt stellen sich 14 Kandidaten und Kandidatinnen der Wahl um das Präsidentenamt. Drei von ihnen werden laut Umfragen reelle Chancen eingeräumt: Dem Linken Iván Cepeda. Dem ultrarechten Abelardo de la Espriella, der sich selbst den Spitznamen "El Tigre" (Der Tiger, Anm.) gibt. Und der konservativen Paloma (Taube, Anm.) Valencia. Eine absolute Mehrheit im ersten Durchgang wird niemandem prognostiziert, weswegen eine Stichwahl als wahrscheinlich gilt.
Die kolumbianische Verfassung erlaubt keine Wiederwahl, weswegen Noch-Präsident Petro nicht zur Wahl antritt. Petro konnte seine politischen Ziele während seiner Amtszeit nur bedingt umsetzen. Sein wohl größter Erfolg gelang ihm im Dezember 2025, als er den Mindestlohn um 23 Prozent auf 470 US-Dollar (rund 400 Euro) im Monat anhob. Kolumbien ist eines der lateinamerikanischen Länder mit der größten Ungleichheit. Petros Bemühungen, diese Ungleichheiten anzuerkennen und anzusprechen brachte ihm Unterstützung und Loyalität in Wählerkreisen, die sich bisher von der Politik vernachlässigt gefühlt hatten.
Wahl zwischen Linkem, der "Taube" und dem "Tiger"
Der einzige Präsidentschaftskandidat, dem ein sicherer Einzug in die Stichwahl prognostiziert wird, ist Cepeda von der Partei Pacto Histórico des Noch-Präsidenten Petro. In Umfragen führt der linksgerichtete Kandidat mit rund 30 bis 40 Prozent der Stimmen. Das Wahlprogramm des Philosophen und Menschenrechtsanwalts Cepeda verspreche "pure Kontinuität" der Politik Petros, so Sandra Borda, Universitätsprofessorin für Politikwissenschaften und Internationale Beziehungen an der Universidad de los Andes in Bogotá im Gespräch mit der APA. Nur in zwei Punkten distanziere er sich aktiv von Petro. Zum einen beim Thema Korruption: Während die Regierung Petros von vielen Korruptionsskandalen gezeichnet gewesen sei, wolle Cepeda "dieses Problem nicht weiterführen". Zum anderen wolle Cepeda für eine inklusive Politik eintreten. Während seines Wahlkampfs spricht er feministische Organisationen sowie die queere Community an und steht für mehr Geschlechtergerechtigkeit in der Politik. Dieser Ansatz stehe im Gegensatz zu Petro, dessen Regierungsriege teils von Missbrauchsskandalen begleitet war, so Borda.
Cepedas wahrscheinlich gefährlichste Rivalin ist Paloma Valencia. Die rechtskonservative Kandidatin des Céntro Democrático (CD) bewege sich aber in der Jagd auf Wählerstimmen "auf einem schmalen Grat", so die Universitätsprofessorin Borda. Die 48-jährige Valencia war die große Gewinnerin der Vorwahlen und hat in den Umfragen stark aufgeholt. Sie sei zwar eine weibliche Kandidatin, "aber sie ist keine Feministin," so Borda. Zum einen versuche Valencia, sich die Stimmen der konservativen Mitte zu sichern, indem sie zuletzt einen moderateren Ton angeschlagen habe und in Juan Daniel Olviedo einen offen homosexuellen Vizepräsidentschaftskandidaten wählte. Gleichzeitig wolle sie aber auch die konservativen Wählerstimmen nicht an den ultrarechten Kandidaten De la Espriella verlieren.
Auftreten von ultrarechtem Kandidaten erinnert an Drogenbosse
De la Espriella, von der Partei Defensores de la Patria, inszeniert sich als ultrarechter, systemkritischer Kandidat, der sich an Vorbildern wie El Salvadors Nayib Bukele und Argentiniens Javier Milei orientiert. Mit der Strafverteidigung von Kriminellen hat der Anwalt ein Vermögen verdient, welches er auch ungeniert zur Schau stellt. Während das manchen Kolumbianern imponieren mag, stößt es auch auf Widerstand: "Sein Auftreten und seine Politik erinnert viele an das Gehabe der Drogenhändler und das verbinden sie mit Gewalt, Sexismus und Werten, die sie einfach nicht vertreten," so Borda. Der 47-Jährige salutiert gerne in der Öffentlichkeit "für das Vaterland", fällt durch eine herablassende Behandlung von Journalistinnen auf und habe bisher einen umstrittenen Wahlkampf geführt. "Die Frage, die sich stellt, ist: Wird dieser Ansatz in Kolumbien erfolgreich sein? Meine Hypothese ist: nein", vermutet Borda. Auch einen Backlash seitens der Rechten gegenüber radikalem Feminismus - der unter anderem in Argentinien Milei an die Macht manövrierte - sieht Borda in Kolumbien nicht. "Der Feminismus in Kolumbien ist nicht so radikal und hat wichtige Erfolge erzielt, ohne Teile der Bevölkerung zu vergraulen".
Schlimmste Gewalt seit Jahren
Das den Wahlkampf und die öffentliche Debatte dominierende Thema ist die allgemeine Unsicherheit im Land. Kolumbien erlebt aktuell die schlimmste Gewalt seit Jahren. Das Erstarken bewaffneter Gruppierungen hat zu Anschlägen auch im urbanen Raum und laut einem Bericht des Roten Kreuzes im Jahr 2025 zu Hunderttausenden Binnenvertriebenen, knapp 1.000 Toten oder Verletzten durch Sprengkörper sowie Hunderte neue Fälle von Verschwundenen geführt. Politisch motivierte Morde sind keine Seltenheit. Das tödliche Attentat auf den Präsidentschaftskandidaten Miguel Uribe Turbay im Juli 2025 führte zu großen Protesten gegen die zunehmende politische Gewalt im Land.
Trotz Versprechungen habe der aktuelle Präsident Petro die Sicherheitslage nicht in den Griff bekommen. Sein Friedensplan "Paz Total", der die Beilegung der internen bewaffneten Konflikte zum Ziel hat, sei "schlecht" und "improvisiert" verhandelt worden, so Borda. Petro habe sich zu sehr darauf verlassen, dass die Guerillas rein deswegen einem Friedensabkommen zustimmen würden, weil eine linksgerichtete Regierung an der Macht sei. Das Gegenteil sei der Fall, meint die Politikwissenschaftlerin. Petro habe es nicht geschafft, mit einer einzigen Gruppierung ein Friedensabkommen zu schließen. "Wir erleben eine Ausbreitung und ein Erstarken dieser Gruppen in den Konfliktgebieten, weil Petro die Präsenz des Militärs dort reduziert hat."
Borda rechnet keinem der Präsidentschaftskandidaten eine reelle Chance zu, die Sicherheitslage im Land zu verbessern. Cepeda habe als Architekt von Petros "Paz Total" in dieser Hinsicht das größte Legitimitätsproblem.
Wunsch nach starkem Mann
Von dem Versäumnis der linken Regierung profitiert De la Espriella. "Die Menschen wünschen sich einen starken Mann, der ihnen wieder Sicherheit garantieren kann", sagt Borda. De la Espriella hat angekündigt, Verhandlungen mit bewaffneten Gruppen zu stoppen, die für die Kokainproduktion notwendigen Koka-Plantagen zu vernichten und das Gefängnissystem zu reformieren. Doch die Universitätsprofessorin bezweifelt, dass De la Espriella die notwendige Erfahrung mitbringt: "Er hat sein Leben mit der Strafverteidigung von Kriminellen verbracht. Er hat keine Ahnung davon, wie man die öffentliche Sicherheit wiederherstellt."
Die Partei, die aktuell die beste Bilanz im Kampf gegen bewaffnete Gruppen vorzuweisen habe, sei das Céntro Democrático. Unter Ex-Präsident Álvaro Uribe sei die Partei erfolgreich gegen die Guerilla-Organisation FARC (Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens) vorgegangen. "Aber die Sicherheitslage von heute ist nicht mehr dieselbe wie damals", gibt Borda zu bedenken. "Heute gibt es nicht mehr eine einzige, große Guerilla-Gruppe, sondern in vielen Teilen des Landes bis zu 16 bewaffnete Gruppierungen, die sich gegenseitig bekriegen und sich vom illegalen Geschäft bereichern wollen." Es sei irreführend zu glauben, die alte Sicherheitsstrategie würde auch heute zum Erfolg führen, warnt Borda. Kolumbien ist der größte Kokainproduzent der Welt. Die Produktion ist während Petros Präsidentschaft gestiegen.
Beziehungen zu USA zuletzt angespannt
Sogar Petro selbst hat zuletzt einen härteren Ton gegenüber den Guerillas angeschlagen - wohl auch um die Wogen mit US-Präsident Donald Trump zu glätten. Die beiden hatten sich im vergangenen Jahr heftige Schlagabtäusche geliefert, was das Ansehen von Petro international steigerte. Als aber der venezolanische Präsident Nicolás Maduro von den USA entführt und inhaftiert wurde, sei eine "rote Linie" überschritten worden, so Borda. Auch dem kolumbianischen Präsidenten sei dadurch klar geworden, dass die USA nicht nur leere Drohungen aussprechen. Zusätzlich habe die Öffentlichkeit den Streit mit den USA - immerhin Kolumbiens wichtigster Partner - negativ aufgenommen. Ein Besuch Petros im Weißen Haus Anfang des Jahres entschärfte die Spannungen wieder.
Rund 41 Millionen Kolumbianer sind am kommenden Sonntag stimmberechtigt. Eine absolute Mehrheit im ersten Wahlgang wird bezweifelt. Welche zwei Kandidaten am Ende in die Stichwahl einziehen werden, entscheiden wohl die Wählerschaft der politischen Mitte sowie die Unentschlossenen, die aktuell bei etwa 28 Prozent der Wahlberechtigten liegen. Die Wahlbeteiligung lag zuletzt zwischen 45 und 50 Prozent. Die Stichwahl soll voraussichtlich am 21. Juni stattfinden.
(Das Gespräch führte Maria Mayböck/APA)
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