Staatsballett zeigt facettenreiche "American Signatures"

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von Agenturen

Langs Choreografie bringt sakrale Stimmung auf die Volksopern-Bühne

Bild: APA/APA/Wiener Staatsballett/Ashley Taylor


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Eindrucksvoll demonstriert eine vierteilige Darbietung des Wiener Staatsballetts, dass Tanz vor allem eines ist: vielseitig. In "American Signatures" treffen die Ikonen Jerome Robbins und Lar Lubovitch auf zeitgenössische Stimmen von Pam Tanowitz und Jessica Lang. Ihre Choreografien entfalten auf der Volksopernbühne unterschiedlichste Wirkungen, zeigen Tanz als Spiel, Wettkampf, Freundschaft und Heiligtum - eine emotionale Achterbahnfahrt für das Premierenpublikum am Samstag.

Als sich der Vorhang für Jerome Robbins "Interplay" hebt, hat nur ein einziger Tänzer seinen Platz vor dem sattblauen Hintergrund eingenommen, breitbeinig, die Arme in die Hüften gestemmt. Während er die ersten Pirouetten dreht, rhythmisch und entschlossen, gesellen sich weitere Tänzer und Tänzerinnen zu ihm auf die Bühne, um die Partitur von Morton Gould in Bewegung zu übersetzen.

Jazz und Spiel als Stimmungsmacher

Sogleich zeigt sich: Hier werden die Grenzen des klassischen Balletts spielerisch überschritten. Es ist der unverkennbare Stil eines Choreografen, der Jazz- und Modern-Dance-Elemente mit dem klassischen Vokabular verwob und so den amerikanischen Tanz entscheidend prägte. Klatschen, Schnipsen und jazzige Sequenzen der Musik erzeugen ein Umspringbild: Broadway-Musical oder doch Wiener Staatsballett?

Hinzu kommt eine spielerische Leichtigkeit: Das Ensemble darf Bockspringen, Räder schlagen und Purzelbäume machen. Dass zu dieser Darbietung so mancher Fuß im Premierenpublikum unwillkürlich mitwippen musste, versteht sich von selbst. Das Werk aus 1945 ist wahrlich ein Wohlfühlstück - anders als jenes, das folgt.

Packendes Kräftemessen

Vor einer grauen Wand in industriellem Look treffen ein Tänzer und eine Tänzerin aufeinander, legen ohne Eile ihre Trainingsjacken für die Performance ab. Die heute 57-jährige Choreografin Pam Tanowitz hat eine Vorliebe für eigenwillige Auf- und Abtritte und so beginnt auch "Dispatch Duet", uraufgeführt 2022 am Royal Opera House London, auf diese Weise. Ted Hearnes Komposition "Dispatches" setzt ein, mechanisch anmutende Klänge, zeitweise unangenehm. Sie bilden das Fundament eines stählernen Kräftemessens, das wohl kaum als Pas de deux im klassischen Sinne beschrieben werden kann.

Tanowitz dekonstruiert das bekannte Schrittmaterial, löst sich von konventionellen Rollenzuschreibungen des Balletts und integriert sportliche Elemente in ihre Choreografie. Die Tanzenden lassen ihre Muskeln spielen, boxen in die Luft. Den sonst so eleganten Fingerpirouetten fehlt jegliche Zärtlichkeit. Verstärkt wird das Bild eines Wettkampfs durch die Kostüme, die an Tennis- oder Gymnastikbekleidung erinnern. Darüber, wer das Kräftemessen gewinnt, mag man streiten, nicht jedoch über die Tatsache, dass "Dispatch Duet" das Publikum von Anfang bis Ende in seinen Bann zieht.

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Tanz, der zuhört

Die Rivalität weicht einer innigen Freundschaft, einem Dialog zwischen zwei Tänzern und einem Klavier. Für Lar Lubovitchs "Each In Their Own Time" wurde ein schwarzer Flügel vor einem schlichten blauen Hintergrund platziert. Anstatt die Musik in den Orchestergraben zu verbannen, macht der amerikanische Choreograf sie zu einem sichtbaren, gleichwertigen Teil des Gesprächs und lässt die Tänzer aktiv zuhören, ehe sie sich zu Johannes Brahms' "Acht Klavierstücke", op. 76. bewegen.

Mit ausladenden Schritten gehen sie aufeinander zu, verschränken die Arme, führen gemeinsam Drehungen aus. Dabei verkörpern sie stets Akzente und Dynamik der Musik, nehmen den Bühnenraum vollends ein. Es entfaltet sich die Geschichte zweier Menschen, die in liebevoller Verbundenheit Gleichklang finden. Besonders gelungen: der Moment, in dem ein Tänzer behutsam die Hände seines Gegenübers ergreift.

Dass Lubovitch seit Jahrzehnten zu den populärsten Choreografen Amerikas zählt, ist wohl auch für das europäische Publikum nachvollziehbar, denn sein 2021 uraufgeführter Pas de deux berührt und fesselt - so sehr, dass sich am Premierenabend selbst in Momenten der Stille niemand traute, die Darbietung mit Zwischenapplaus zu unterbrechen.

Emotionaler Ausklang

Ein letztes Eintauchen in ein gänzlich neues Stimmungsbild: Jessica Langs "Let Me Mingle Tears With Thee" ("Lass mich mit dir weinen") transportiert die Emotionen der Heiligen Maria, die den Verlust ihres Sohnes betrauert. Zu Giovanni Battista Pergolesis Vertonung des mittelalterlichen Gedichts "Stabat mater" erwacht das Ensemble nach und nach zum Leben, mit Ausnahme jener Person, die in Marias Schleier gehüllt ist. Ein scheinbar federleichter goldener Stoff, der die Tänzerin beschwert. Erst als man sie von ihrer Last befreit, vermag sie sich zu bewegen. Doch nun erstarrt eine andere Tänzerin unter dem Gewicht des Schleiers. Eine feste Rollenverteilung gibt es nicht - jeder und jede ist zugleich Sohn und Mutter.

In diesem Werk aus 2023 eröffnen sich dem Publikum zahlreiche Schauplätze. Der Blick wandert, kann kaum Ankerpunkte finden. Kreuze - im Bühnenbild, am Kostüm und abstrakt in Hebefiguren dargestellt - vergegenwärtigen das sakrale Thema. Unterschiedliche Lichtstimmungen hüllen das Ensemble abwechselnd in Trauer und Hoffnung.

Sobald die Auferstehung naht, werden die Bewegungen dynamischer, kraftvoller. Ein neues Gefühl der Leichtigkeit breitet sich im Ensemble aus. In den Sprüngen und schwungvollen Drehungen verbirgt sich sogar ein Funke Verspieltheit - eine leise Rückkehr zum Anfang der vierteiligen Performance. Und so schließt sich der Kreis zur ersten Choreografie des Abends. Ein kleiner Kreis. Denn letztlich können knapp zwei Stunden nur einen sehr ausschnitthaften Einblick in die Vielfalt amerikanischer Handschriften geben. Doch sie wecken zweifellos Lust auf mehr.

(Von Selina Teichmann/APA)

(S E R V I C E - "American Signatures" in der Wiener Volksoper, Währinger Straße 78, 1090 Wien. Bestehend aus "Interplay" von Jerome Robbins, "Dispatch Duet" von Pam Tanowitz, "Each In Their Own Time" von Lar Lubovitch und "Let Me Mingle Tears With Thee" von Jessica Lang. Weitere Vorführungen am 12., 15., 17., 19., 22. und 30. Mai 2026, Werkeinführung am 12. Mai 2026. https://www.volksoper.at)

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