Syrien - Mutmaßlicher Kriegsverbrecher Amjad Yousef gefasst

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von Agenturen

Prozess gegen Mitglieder des Assad-Regimes in Damaskus

Bild: APA/APA/AFP/BAKR ALKASEM


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Einer der meistgesuchten mutmaßlichen Kriegsverbrecher ist syrischen Sicherheitskräften ins Netz gegangen. Der 40-jährige Militärgeheimdienst-Offizier Amjad Yousef wurde am Freitag im Gouvernement Hama verhaftet. Videoaufnahmen sollen ihn dabei zeigen, wie er am 16. April 2013 Zivilisten erschießt. Bei dem Massaker in Damaskus wurden mindestens 288 Zivilisten getötet - darunter sieben Frauen und 12 Kinder. Eine Forscherin war Yousef über Facebook auf die Spur gekommen.

Die staatliche Nachrichtenagentur Sana veröffentlichte am Sonntag Videoaufnahmen von Yousefs Verhaftung. In den mittlerweile gelöschten Aufnahmen stürmen bewaffnete Sicherheitskräfte ein Haus und nehmen Yousef fest. Er soll sich zu diesem Zeitpunkt im Schlafzimmer befunden haben. Als er abgeführt wird, trägt Yousef einen roten Kapuzenpullover. Sein Gesicht ist blutverschmiert. Die nächste Aufnahme zeigt Yousef in gestreifter Häftlingskleidung. Er gesteht, der Mann in dem Video des Tadamon-Massakers zu sein. In einer weiteren Aufnahme konfrontiert Syriens Innenminister Anas Khattab den mutmaßlichen Täter. Dabei sitzt er Yousef mit verschränkten Händen gegenüber und spricht ihm jegliche Menschlichkeit ab.

Videoaufnahmen des Tadamon-Massakers

Ein Whistleblower hatte die Videoaufnahmen des Vorfalls im Jahr 2022 auf einem Laptop der Assad-Regierung gefunden. Wie die britische Tageszeitung "Guardian" berichtete, schmuggelte der Whistleblower die Beweise unter Lebensgefahr ins Ausland. Er hat mittlerweile das Land verlassen. Die Aufnahmen mit einem Zeitstempel vom 16. April 2013 zeigen den Stadtteil Tadamon in Damaskus. Darin werden 41 Zivilisten mit verbundenen Augen und gefesselten Händen gefilmt. Sie werden gezwungen, auf eine vorbereitete Grube zuzulaufen. Dort werden sie erschossen, übereinandergestapelt, mit Benzin übergossen und angezündet. Einer der mutmaßlichen Schützen ist Amjad Yousef. Er trägt eine grüne Militäruniform und Fischerhut. Die Aufnahmen sollen ihn dabei zeigen, wie er mehrmals auf ein Opfer schießt, mit den Worten: "Stirb, du Mistkerl! Hast du noch nicht genug?"

Am Ort des Massakers barg die Organisation Human Rights Watch 2024 zahlreiche menschliche Überreste. Über 24 Videos des Massakers landeten schließlich bei Annsar Shahoud und Uğur Ümit Üngör. Sie forschen am Institut für Krieg, Holocaust und Völkermordforschung (NIOD) in Amsterdam. Üngör und Shahoud waren zu diesem Zeitpunkt bereits auf der Suche nach Sicherheitskräften der Assad-Regierung in sozialen Medien. Dafür erstellten sie ein Fake-Profil auf Facebook und gaben sich als eine junge syrische Forscherin aus, die mit der Assad-Regierung sympathisierte. Schließlich fand Shahoud das Profil von Yousef auf Facebook und sandte ihm eine Freundschaftsanfrage. Yousef nahm an.

"Ich bin stolz auf meine Taten"

Über Monate hinweg tauschten Shahoud und Yousef Nachrichten miteinander aus. Nachdem er zunächst misstrauisch war, fasste Yousef doch Vertrauen. In einem von Shahoud heimlich aufgenommenen Gespräch gab er schließlich zu: "Ich habe so viele getötet. Ich erinnere mich nicht, wie viele ich getötet habe." Daraufhin konfrontierte Shahoud ihn mit den Videoaufnahmen. Yousef dementierte zunächst, dass die Aufnahmen ihn zeigen würden. Dann rechtfertigte er sich: "Ich habe nur meine Arbeit getan". Zuletzt gestand Yousef: "Ich bin stolz auf meine Taten". Als ihm bewusst wurde, dass Shahoud die Gespräche aufgenommen und umfassendes Beweismaterial gegen ihn in der Hand hatte, drohte er der Forscherin. Er werde alle Menschen, die ihr nahestehen, töten.

Yousefs Verhaftung löste bei vielen Euphorie aus. In Tadamon versammelte sich am Freitagnachmittag eine Menschentraube am Ort des Massakers. Menschen feierten Yousefs Festnahme, schwenkten syrische Flaggen und riefen: "Amjad Yousef, deine Tage sind gezählt!" Dabei kamen auch Angehörige der Opfer zu Wort. Das zeigen Videoaufnahmen der Agentur Sana. Auch in Wien gaben Syrerinnen und Syrer ihre Freude über die Verhaftung Yousefs gegenüber der APA bekannt.

Seit dem Sturz des ehemaligen Präsidenten Bashar al-Assad im Dezember 2024 wurden dutzende Mitglieder seiner Sicherheitsdienste verhaftet. Assad selbst floh nach Russland. Andere gingen nach Europa. In Deutschland wurde 2025 ein Arzt wegen Kriegsverbrechen in seiner syrischen Heimat zu lebenslanger Haft verurteilt. Am Wiener Landesgericht startet am 1. Juni der Prozess gegen zwei frühere Vertreter des Regimes. Ihnen werden schwere Straftaten an seinerzeit in Syrien inhaftierten Zivilisten vorgeworfen. Der syrische UNO-Botschafter Ibrahim Olabi warnte Vertreter des Assad-Regimes: "Ihr könnt fliehen, aber der Gerechtigkeit werdet ihr niemals entkommen".

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"Der Weg in Richtung Gerechtigkeit beginnt hier"

Die syrische Regierung steht nun vor der Aufgabe, die jüngste Vergangenheit des kriegsgebeutelten Lands aufzuarbeiten. 2025 richtete die Regierung eine Kommission zur Aufarbeitung der Vergangenheit ein. Die Kommission hat zum Ziel, Verstöße aller Konfliktparteien im Syrien-Krieg aufzuarbeiten. Die Aufarbeitung soll Vorwürfe umfassen, die sich sowohl gegen Mitglieder der ehemaligen Assad-Regierung, als auch gegen bewaffnete Oppositionsgruppen richten.

Zahra al-Barazi arbeitet als Beraterin für die Übergangsjustiz in Syrien. Sie bezeichnete die Festnahme Yousefs gegenüber Sana als einen weiteren Schritt in Richtung Aufarbeitung der Vergangenheit. "Wir wollen nicht nur Amjad Yousef vor Gericht bringen. Wir wollen die gesamte Befehlskette vor Gericht bringen", so al-Barazi. Gesellschaftliche Versöhnung sei nur dann möglich, wenn Täterinnen und Täter zur Rechenschaft gezogen werden. Indes gab sich Syriens Informationsminister Hamza al-Mustafa optimistisch: "Der Weg in Richtung Gerechtigkeit beginnt hier".

(Von Pia Hecher/APA)

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