TEATA bringt Adlers "Fretten" sprachgewaltig auf die Bühne

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Im Schaum, aber nicht schaumgebremst

Bild: APA/APA/TEATA/Apollonia Theresa Bitzan


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Erst im März hat Susanne Lietzow Helena Adlers Debütroman "Die Infantin trägt den Scheitel links" im Wiener Kosmos Theater als "performative Sprechoper" auf die Bühne gebracht. Mit "Fretten" steht ebendort nun der zweite Roman der 2024 früh verstorbenen Salzburger Autorin auf dem Programm. Realisiert wurde die Dramatisierung diesmal von Sara Ostertags sich während der Sanierung auf Wanderschaft befindlichem TEATA in der Gumpendorfer als Koproduktion mit makemake produktionen.

Betritt man den Theaterraum, wähnt man sich zunächst auf der falschen Party. Auf einer Schaumparty nämlich. Manns- oder besser: frauhoch bauschen sich Luft, Wasser und Seife. Aus den Schaumwolken schälen sich nach und nach vier Performerinnen, die sich ineinander verknoten, voneinander lösen und in den kommenden 80 Minuten einen chorischen Monolog über Kindheit und Jugend am Land, später über Mutterschaft in der Stadt halten werden. Das Besondere: Mit Carina Kilinc und Pam Eden stehen neben Michèle Rohrbach und Valerie Madeleine Martin auch zwei Gebärdensprache-Performerinnen auf der Bühne, die sowohl Gesagtes wie auch Ungesagtes gestisch in den Raum wuchten.

Zertrümmerung einer heil geglaubten Kindheit

Die Schaumbühne von Nanna Neudeck und Leonie Kohut entfaltet sogleich ihre Intention: "Als ich geboren wurde, war da eine weiche Welt, in die ich fiel und mich fortan betten durfte", heißt es im zweiten Kapitel von Adlers 2022 erschienenem Roman, mit dem dieser Theaterabend startet. "Ich sank in eine Welt aus Daunentuchenten, die sich unter meinem Kindergewicht sanft zusammendrückten." Zwischen "Mutterkuchen und Vaterbäuchen", zwischen "Germteig der Urgroßeltern" zeichnet Adler eine Kindheit, die mit zunehmender Gewahrwerdung der Ich-Erzählerin eine ungeahnte Härte freilegt. Das ländliche Umfeld ist nicht mehr kindliche Idylle, sondern geprägt von Herkunftshader, von Lästern und Lasten. Und so heißt es bald: "Ich wurde nicht geboren, ich wurde fallengelassen, geworfen und niedergeschmettert."

Apropos schmettern: Hoch oben im Bühnenhintergrund thront Catharina Priemer-Humpel am Schlagzeug (das sie auch in Clara Luzias Band spielt) und zertrümmert die heil geglaubte Kindheit. Und so muss auch der Schaum weichen, der in sich zusammenfällt und von der Bühne geschoben wird, die nun von einer schwarzen Tribüne dominiert wird, auf und mit der die Performerinnen den zweiten Teil des Abends bestreiten, an dem aus dem Ich der Kindheit ein Wir aus Jugendlichen wird. Eine "Bagage von Untauglichen, die das Leben ausgemistet hatte", wie es im Text heißt. Sie nennen sich zwar Schmetterlinge, kommen aber nicht vom Fleck. Ein Flug in die große Stadt, weg aus einer Welt zwischen Schlachthöfen und Misthaufen, bleibt ein Traum. Auch die Lokalbahn ist keine Lösung. Denn "jede Station hier ist eine Endstation. Spätestens ab der Landesgrenze wird man suizidal, darum ist sie unsere Schmerzgrenze."

Von der vermeintlichen Freiheit in die Mutterschaft

Und so bleibt nur mehr das Randalieren, das das vierköpfige Ensemble in der Choreografie von Martina Rösler virtuos umsetzt, während die Sprachkaskaden in Laut- und Gebärdensprache unablässig den Raum fluten. Im dritten Teil des Abends, für dessen End-Regie die künftige Theater der Jugend-Leiterin Aslı Kışlal verantwortlich zeichnet, gelingt der Ich-Erzählerin schließlich der Ausbruch, der Weg an die Kunstuniversität in der Hauptstadt: "Ich ziehe die Notbremse und Leine, mach den Adler und schnür mein Bündel." Doch hier wartet nicht die große Freiheit, sondern die Mutterschaft. Wieder muss die Erzählerin Rechenschaft ablegen, gegenüber ihrem Ungeborenen, aber auch gegenüber den eigenen Vorfahren, die sie mit festgefahrenen Vorstellungen über Mutterschaft behelligen.

"Noch war ich Kind, bald bin ich Kindsmutter und sitze zwischen den Stühlen, zwischen der eigenen Mutter und dem eigenen Kind." Doch der Abend kippt ein weiteres Mal, die eigene Krankheit, der mögliche Tod, schiebt sich vor das Mutterglück, das Mutterhadern. Das Anschreiben gegen die Herkunft wird ein Anschreiben gegen das Vergehen. "Fretten" bedeutet "sich abmühen, sich plagen, sich aufreiben". Die Inszenierung ist alles andere als ein "Gfrett". Sondern eine bild- und sprachgewaltige Versuchsanordnung, das Unsagbare fühlbar zu machen. Herzlicher Applaus für das gesamte Team beschloss den Abend, dessen Seifengeruch noch lange in der Nase bleiben wird.

(Von Sonja Harter/APA)

(S E R V I C E - "Fretten" von Helena Adler, Uraufführung, Koproduktion makemake und TEATA, zu Gast im Kosmos Theater. Schauspiel und Co-Creation: Pam Eden, Carina Kilinc, Valerie Madeleine Martin, Michèle Rohrbach. Choreografie: Martina Rösler, Dramaturgie und Bühnenfassung: Anita Buchart und Mika Tacke, Live-Musik: Catharina Priemer-Humpel, End-Regie: Aslı Kışlal, Bühne: Nanna Neudeck und Leonie Kohut, Kostüm: Verena Sophia Geier und Leonie Kohut. Weitere Termine: 14., 15., 17., 19., 20., 21., 22., 26. und 27. Mai, jeweils um 20 Uhr. https://teata.at/fretten )

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