Trauriges Lustspiel: "Leonce und Lena" in den Kammerspielen

Veröffentlicht:

von Agenturen

"Leonce und Lena": Michael Dangl und Sandra Cervik

Bild: APA/APA/THEATER IN DER JOSEFSTADT/KAMMERSPIELE/MORITZ SCHELL


- Anzeige -
- Anzeige -

In den Wiener Theatern beginnt die Zeit der Abschiede. Ehe am Samstag Thomas Birkmeir nach 24 Saisonen seine letzte Inszenierung als Chef des Theaters der Jugend herausbringt, wurde am Donnerstag mit der letzten Kammerspiele-Premiere das Ende der 20-jährigen Ära von Herbert Föttinger am Theater in der Josefstadt eingeläutet. Torsten Fischer inszenierte eine "Leonce und Lena"-Bearbeitung als Mischung aus traurigem Rückblick, melancholischem Abgesang und trotzigem Beharren.

Föttinger hat die Kammerspiele technisch runderneuert. Inhaltlich wollte er sie als Spielstätte für zeitgenössischen, intelligenten Boulevard positionieren. Dass ihm das nicht nachhaltig gelungen ist, davon zeugt nicht zuletzt der abschließende Rückgriff auf Georg Büchner (1813-37). Dass von seinem verträumten, poetischen Lustspiel nicht viel übriggeblieben ist, liegt an den vielen Schichten, die Fischer über das Original legt. Anschaulich wird das durch das Bühnenbild von Herbert Schäfer und Vasilis Triantafillopoulos, die mit nach unten und zur Seite fahrbaren Wänden mehrere Welten voneinander trennen. Auf die äußerste Wand wird anfangs - beistrichlos - das Motto projiziert: "Ich lasse dich in meinen Träumen sein wenn ich in deinen sein kann."

Im Altersheim für Künstler

Über einem kunstvollen Portal prangt die Inschrift "Casa di riposo degli artisti". Geträumt wird hier also offenbar in einem Altersheim für Künstler, und Sandra Cervik und Michael Dangl, die den mit einem Klavier und einem Zitronenbäumchen spärlich möblierten Raum betreten, scheinen biblisches Alter zu haben. "Das Sterben hat schon begonnen", stellt sie fest, und ihr Bühnenpartner punktet mit schlohweißem Vollbart zum schicken türkisen Anzug.

Alles, was hier über große, gescheiterte Träume und schöne, gemeinsame Stunden gesagt wird, muss man zwangsläufig auf das Theater, nein: dieses Theater, beziehen - und natürlich würde neben Cervik, die mit diesem Abend ihre Abschiedspremiere am Haus gibt, ihr Gatte Föttinger selbst gehören. Der probt aber gerade seine eigene Abschiedsproduktion, die am 29. April am Theater in der Josefstadt herauskommt: "Was für ein schönes Ende" von Peter Turrini. Das kann man jedenfalls über das Kammerspiel-Finale nicht sagen.

Selbstbezüglichkeit statt Allgemeingültigkeit

Das liegt vor allem daran, dass sich über die Selbstbezüglichkeit hinaus nie eine Allgemeingültigkeit einstellt. Der hohe Theaterton klingt dann hohl, wenn er auf keinen weiteren Resonanzraum trifft als die eigenen Wände. All' die schönen, ewigen Sätze - Fischer hat sie mit Passagen aus "Woyzeck", aber auch von anderen Autorinnen und Autoren angereichert - meinen das Leben, treffen aber in Fischers artifizieller und bilderreicher Inszenierung vor allem das Theater selbst. Daran leiden auch die beiden Protagonisten, die bei allen Rollenwechseln unter Identitätsverlust leiden. Cervik, die auch Rosetta spielt, punktet immerhin mit dem schönsten One-Liner des Abends: "Wenn die Frauen verblühen, verduften die Männer."

Deutlich mehr Chancen, eigenes Profil zu entwickeln, erhalten Tonio Arango als trauriger und lebenskluger Clown Valerio und Marcus Bluhm als an Würde und Bürde verzweifelnder König Peter. Beide nutzen sie und schaffen es immer wieder zu berühren. Torsten Fischer hat auch ein Septett an Statisten, die von greisen Altersheiminsassen bis zu netzbestrumpften Travestiekünstlern allerlei zu spielen haben, und die tollen Musiker Aliosha Biz und Krzysztof Dobrek aufgeboten. Ersteres ist eine Idee, die aufgeht, zweiteres nicht. Der Geiger und der Akkordeonist sind deutlich unterfordert, und mehr als einmal kommt die Musik irritierender Weise vom Band.

- Anzeige -
- Anzeige -

Des Meeres und der Emotionen Wellen

Am Ende träumt man von Arkadien und singt gemeinsam "La Mer" von Charles Trenet: "La mer a bercé mon cœur pour la vie" - "Das Meer hat mein Herz ein Leben lang gewiegt". Am Ende wogen auch die Emotionen hoch. In den Standing Ovations von Teilen des Publikums mischt sich wohl Dankbarkeit für eine schöne gemeinsame Zeit mit einer gewissen Bangigkeit vor der Zukunft. Was die neue Direktorin Marie Rötzer mit den Kammerspielen vor hat, wird sie am 21. Mai bekanntgeben.

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Georg Büchner: "Leonce und Lena", frei bearbeitet von Torsten Fischer. Regie: Torsten Fischer, Bühnenbild und Kostüme: Herbert Schäfer / Vasilis Triantafillopoulos, Mit Michael Dangl - Leonce, Sandra Cervik - Lena, Rosetta, Tonio Arango -Valerio, Marcus Bluhm -König, Präsident, Susanna Wiegand - Frau Hofmeister, Live-Musik: Aliosha Biz, Krzysztof Dobrek. Kammerspiele der Josefstadt, Nächste Vorstellungen: 10., 17., 21., 28., 29.5., www.josefstadt.org )

- Anzeige -
- Anzeige -

Mehr entdecken