Volksoper zwischen Sex, Chicago und Schrebergarten
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von AgenturenZwei, die sich auf die kommende Saison freuen
Bild: APA/APA/Volksoper Wien/Anna Pintsuk/Anna Pintsuk
Auch die Wiener Volksoper hat nun ihre Vorhaben für die Saison 2026/27 veröffentlicht - und der thematische Bogen, den Intendantin Lotte de Beer aufspannt, erstreckt sich von Räubertöchtern bis zu Raubersg'schichten, zwischen Schrebergarten und Chicago. "Wir versuchen in der ganzen Saison, gegen den Zynismus zu kämpfen, der jetzt überall Einzug hält", umreißt die Theaterchefin im APA-Gespräch ihr Programm und läutet die neue Saison als Statement mit einer Kinderoper ein.
Die Uraufführung "Ronja Räubertochter" nach Astrid Lindgren in einer Adaption von Stephan Lack und Kyrre Kvam inszeniert am 20. September Ruth Brauer-Kvam - und das ganz umweltbewusst. "Wir wollen nachhaltig und budgetär kluge Entscheidungen treffen. So werden wir bei 'Ronja' wieder mit Videoprojektionen arbeiten, aber im gleichen Bühnenbild wie 'Die Zauberflöte'. Wir sparen damit Geld, Ressourcen und Zeit beim Aufbau. Und diese Zeit können wir dann wieder in der Kunst stecken", so de Beer.
Die schrecklichste Geschichte, die man erzählen kann
Aus den Birkenwäldern Schwedens geht es dann ins Chicago der 20er-Jahre respektive zum gleichnamigen Musicalklassiker, den die Hausherrin selbst inszeniert - aber eher in Tradition des epischen Theaters. Sie habe das Stück voller Enthusiasmus ihrer Tochter abends selbst vorgespielt, erinnerte sich de Beer an diesen Denkanstoß: "Sie hat mich dann angeschaut, war ganz blass und hat gesagt: 'Aber Mama, das ist doch ganz schrecklich.' Und dann hab ich gedacht: Das stimmt, das ist echt die schrecklichste Geschichte, die man erzählen kann. Es geht nur um Habsucht, Mord und das Allerschlimmste der Menschheit. Aber die Musik ist so verführerisch."
Von der brutalen Welt Chicagos geht die Premierenreise dann zum Opernball, konkret im Dezember zu Richard Heubergers gleichnamiger Operette, die der junge Wiener Regisseur Moritz Franz Beichl inszenieren wird. "Das wird seine erste Operette - und er hat sich lange Zeit genommen und mir meinen Vorschlag 'Land des Lächelns' so lange zurückgeworfen, bis ich gesagt hab: 'Okay, was willst du denn inszenieren?'" Die Antwort war eindeutig, und so kommt der alte Stoff wieder zu neuem Glanz.
Zitrusfrühjahr
Beschwingt startet man auch ins Frühjahr, wenn unter dem Titel "Zur heißen Zitrone" Hausbuffo Jakob Semotan und Tausendsassa Julia Edtmeier einen Austropop-Abend im Talon haben, bei dem anhand einer Kleingartengemeinschaft mit Hits aus dem kollektiven Gedächtnis der österreichischen Seele auf den Grund gegangen wird. Ebenfalls auf der humorvollen Seite findet sich im März dann der Doppelabend aus "Die sieben Todsünden" von Weill und Brecht und Puccinis musikalischer Komödie "Gianni Schicchi". "Beide Stücke sind tief zynisch und schwarz und handeln von unseren Sünden", begründet Lotte de Beer ihre Wahl der Combo: "Und auch wenn es ganz unterschiedliche Musikstile sind, passen beide gut an unser Haus."
In der vermutlich immer noch knospenden Frühlingszeit des Aprils geht es dann um die Liebe - konkret beim Musicalklassiker "Hello, Dolly!", bei dem Martin G. Berger mehreren Generationen nachspürt, umreißt de Beer das Konzept: "Da sind die Boomer und 40-Jährigen, Frisch-Geschiedenen, die sich nochmals am Partnermarkt versuchen wollen und die 30-Jährigen, die denken: 'Jetzt muss bald etwas passieren, weil ich noch ein Kind will.' Und auch die Gen-Z, bei der ich als Millennial noch nicht genau weiß, was sie eigentlich will."
"Cosí" mit einem Giganten
Den premierentechnischen Saisonabschluss gestaltet dann wieder die Hauschefin selbst, die mit einem veritablen Bühnenkapazunder für ihre Regie der "Così fan tutte" aufwarten kann. "Es ist wahrscheinlich das letzte Bühnenbild von Großmeister Richard Peduzzi, dem Bühnenbildner von Patrice Chéreau, der mich angesprochen hat: 'Wir müssen was zusammen machen'", freut sich de Beer auf die Zusammenarbeit. "Ich habe dann sofort an die 'Cosí' gedacht, da sein naiv-poetischer Stil sehr gut dazu passt. Die Oper ist für mich eine Studie über die menschliche Phase, in der wir aus dem Paradies stürzen, weil wir verstehen, wie Gut und Böse in uns funktionieren."
Um Sex und Treue geht es dann schlussendlich auch beim Regiedebüt von Starsopranistin Annette Dasch, der neuen Leiterin des Opernstudios, wenn die 50-Jährige Philippe Boesmans "Reigen" inszeniert. "Ich finde es sehr mutig, mit jungen Sängerinnen und Sängern gleich zu Beginn ein Stück über Sex anzugehen", zollte de Beer der Kollegin Respekt, die ihre Arbeit im MuTh vorstellen wird. Die Nachwuchsarbeit mit den acht Sängerinnen und Sängern im Opernstudio sei für die Volksoper entscheidend: "Wenn jemand schon auf den größten Bühnen der Welt singt, ist es für uns schwierig, ihn einzukaufen. Ich habe kein Geld, um sie hierher zu locken. Deshalb ist es für uns wichtig, Künstler an ihrem Anfang zu finden und sie zu fördern."
Die von ihr bei Amtsantritt ventilierte Idee einer Expansion mit einem fixen zweiten Standort sei aber vom Tisch, unterstrich de Beer: "Das war eine naive Anfängerinnenidee. Ich bin Idealistin, aber man muss auch realistisch sein. Wir haben hier am Haus ganz tolle Menschen, aber keine Stelle zu viel, da wir den Auftrag haben, täglich zu spielen. Da gibt es einfach keine zusätzlichen Ressourcen."
Auslastung gestiegen
Dabei läuft es im Hinblick auf die schieren Zahlen gut, wie der kaufmännische Geschäftsführer Christoph Ladstätter klarmacht: "Wir liegen bei 88 Prozent Auslastung - zwei Prozent mehr als letzte Saison. Und vor allem haben wir in den 88 Prozent 26 Prozent Unter-30-Jährige, das waren letztes Jahr 24 Prozent. Nachdem die Karten für die Jugendlichen allerdings ermäßigt sind, ist mir auch wichtig, dass wir das Kernpublikum nicht verlieren. Und hier haben wir bei den Abos erneut eine Steigerung um neun Prozent."
Die Kartenpreise für die Saison 2026/27 werden nicht angehoben. "Wir können nicht jedes Jahr erhöhen. Wir haben in den letzten vier Jahren die Kartenpreise um durchschnittlich 22 Prozent angehoben und damit mit der Inflation gleichgezogen. Aber nächstes Jahr erhöhen wir nicht, dafür übernächstes mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit."
Sorgen bezüglich der 2027 eröffnenden, privaten Musical-Großbühne Theater im Prater macht man sich indes nicht. "Dieses Theater kann es sich nicht leisten, risikoreich zu programmieren - man kriegt das, was man erwartet. Die haben nicht die Diversität an Genres wie wir und nicht den Anspruch, alles immer wieder zu hinterfragen. Insofern können wir sehr gut nebeneinander existieren", ist sich de Beer sicher. Das sieht auch Ladstätter so: "Ich bringe da das Beispiel Bermudadreieck, wo zunächst zwei Wirte aufgemacht und sich dann beschwert haben, als ein Dritter, Vierter oder Fünfter gefolgt sind. Heute gibt es dort 100 Wirte und alle machen Geld. Konkurrenz kann also befruchten."
(S E R V I C E - www.volksoper.at )
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