Widerständige Körper und Ösi-Supergroup beim donaufestival

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Peaches kommt bereits zum dritten Mal nach Krems

Bild: APA/APA/DPA/BRITTA PEDERSEN


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Am Tag der Arbeit starten auch die Tage der Hoffnung - zumindest im niederösterreichischen Krems: Das donaufestival will heuer mit 60 Beiträgen von Musik über Performance bis zu Film und Diskurs "Mad Hope" gegen die Krisen und Kriege der Gegenwart verbreiten. Das erste von zwei Wochenenden (1. bis 3. Mai) wartet u.a. mit Teenage-Angst-Akrobatik, einer heimischen Supergroup rund um Anja Plaschg (Soap&Skin) und dem Auftritt der Electropunk-Ikone Peaches auf.

Über die Bühne gehen die insgesamt sechs Festivaltage wie gewohnt an mehreren Locations in Krems - darunter die Kunsthalle, das Messegelände, die Minoriten- und Dominikanerkirche und das Kino im Kesselhaus. Der programmatische Ausgangspunkt der heurigen Ausgabe ist die Frage, "wie ein Kontrastprogramm zu den herrschenden politischen Verhältnissen" oder "so etwas wie alternative Ideen zur Weltgestaltung und -erschließung" als Gegenentwurf zum "apokalyptischen Grundrauschen" präsentiert werden können, wie es der künstlerische Leiter Thomas Edlinger im APA-Gespräch anlässlich der Programmveröffentlichung Mitte März formulierte.

Exit Void als neues Impro-Kollektiv mit Anja Plaschg

Die Übersetzung in künstlerische Praktiken ist denkbar vielfältig, wie schon das Eröffnungswochenende zeigt. Am Freitag darf man etwa gespannt sein auf den Auftritt der neuen österreichischen Supergroup Exit Void. Das sechsköpfige Impro-Elektronikkollektiv besteht aus Anja Plaschg alias Soap&Skin, Alex Kranabetter, u.a. Mitglied von Voodoo Jürgens' Band Ansa Panier, Wolfgang Lehmann von Naked Lunch sowie David Reumüller (Reflector), Katrin Euller (Rent) und Manfred Engelmayr (Bulbul).

Musikalische Originalität bieten außerdem etwa das texanische Desert-Folk-Trio Ak'chamel, das in Masken und Kostümen und in Fantasiesprachen, spröden Gitarrenfiguren und formsprengenden Improvisationen den Spielraum zwischen Kontemplation und Kontrollverlust auslotet, oder die Klangtüftler Ex-Easter Island Head. "Präparierte Gitarren, die flach auf Keyboard-Ständern liegen, werden perkussiv angeschlagen, während aus Smartphones ausgebaute Vibrationsmotoren über Saiten krabbeln und gesampelte Stimmen über Tonabnehmer laufen, auf welche die Gitarren unmittelbar antworten", heißt es im Programmheft über die Soundwerkstatt des Liverpooler Quartetts.

Peaches zieht es schon zum dritten Mal nach Krems

Am Samstag (2. Mai) sorgt Merrill Nisker, besser bekannt als Peaches, für ein Konzerthighlight. Die Punk- und Electroclash-Galionsfigur beehrt nach zehnjähriger Abstinenz nun erneut das donaufestival - zum inzwischen dritten Mal. Mit im Gepäck hat die Kanadierin, die für ihre queer-feministische Haltung und humorvoll-expliziten Bühnenshows bekannt ist, ihr kürzlich erschienenes neues Album "No Lube So Rude". Landsfrau Claire Rousey wiederum bastelt aus Field Recordings, Soundclustern und fragilen Melodien alles andere als robuste Klangskulpturen. Rough und gitarrengetrieben geht es bei der französischen Band Pain Magazine zu, die auf ihrem im Vorjahr erschienenen Debütalbum "Violent God" Themen wie psychische Erkrankungen, Ausbeutung oder Sucht thematisiert.

Am etwas überschaubareren ersten Sonntag (3. Mai) stehen immerhin drei Konzerte am Programm. Eines davon bestreitet Alan Sparhawk, der mit seiner Frau Mimi Parker die Indierock-Band Low gegründet hat und seit ihrem Tod 2022 solo unterwegs ist.

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Widerständige Körper zwischen Akrobatik und Glassplittern

Auch im Performancebereich warten am Startwochenende spannende Arbeiten auf das Publikum in Krems. Die Truppe fABULEUS und der belgische Choreograf Michiel Vandevelde übersetzen in "out of hands" die zuweilen düstere Lebens- und Gedankenwelt von Jugendlichen in eindringlich-akrobatische Körperfiguren. Musikalisch untermalt wird diese Teenage-Angst-Studie, die an allen drei Tagen zu sehen ist, mit Gothic-, Industrial- und Metal-Klängen einer fünfköpfigen Live-Band. Ebenfalls am Freitag, Samstag und Sonntag zu sehen ist Julian Warners "Der Soldat. Ein Übergangsritual". Der schwarze Künstler beschäftigt sich dabei mit Kolonialismus, Gewalt und Kulturkampf.

Lediglich am Sonntag kann man wiederum den Schweizer Künstler Yann Marussich dabei beobachten, wie er sich im Zeitlupentempo aus einer bis zum Rand mit scharfen Glassplittern gefüllten Badewanne herauswindet. "Bain Brisé" heißt diese Geste der körperlichen Unbeugsamkeit gegen unerträgliche Zustände. Alle erwähnten Performances sind österreichische Erstaufführungen.

Große Bandbreite auch am zweiten Festivalwochenende

Physischer Ausnahmezustand als Sinnbild des Widerstands bricht sich auch am zweiten Festivalwochenende (8. bis 10. Mai) in diversen Programmpunkten Bahn. Da wäre etwa die Uraufführung "Hold&Resist_a springrite" (Freitag, Samstag), die erste Kooperation der Metarockband Radian mit der Performance-Company Liquid Loft - beide in Österreich ansässig. Gezeigt werden schier unmöglich scheinende Posen und Slowest-Motion-Kippfiguren gegen das Diktat der Schwerkraft. Die Brasilianerin Jéssica Teixeira wiederum erinnert in ihrer verstörenden wie humorvollen Arbeit "Monga" (Freitag, Samstag, Sonntag) an die Mexikanerin Julia Pastrana, die um 1850 nach Europa verschleppt und als "Affenfrau" in Freakshows ausgebeutet wurde. Hier rebelliert "ein ungebärdiger verletzlicher Körper gegen Zuschreibungen von Minderwertigkeit", wie es Festivalchef Edlinger beschrieb.

Musikalisch sticht am zweiten donaufestival-Wochenende etwa Chino Amobi (Samstag) heraus. Der US-amerikanische Konzeptkünstler mit nigerianischen Wurzeln schließt auf seinem aktuellen Album "Eroica II. Christian Nihilism" hip-hoppige Beats und kratzigen Sprechgesang mit Assemblagen aus sakralen Chorälen kurz. Drum Machine, Synthieklänge, markante Basslines und ein an Ian Curtis (Joy Division) gemahnender Bariton sind die Zutaten, aus denen John Maus (Sonntag) seine Kunst auch auf dem aktuellen Album "Later Than You Think" zusammenzimmert. Die Live-Auftritte des Mittvierzigers gelten als legendär. Freak Folk im Hexenkleid versprechen wiederum The New Eves (Freitag) aus Brighton - mehrstimmiger Sprechgesang, postpunkige Überdrehtheiten und von neueren Horrorfilmen inspirierte Rituale inklusive.

(S E R V I C E - donaufestival von 1.-3. und 8.-10. Mai in Krems, https://www.donaufestival.at/de )

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