Zweites ESC-Halbfinale bot Schachteln und Schiffbruch
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von AgenturenErster großer Auftritt für Cosmó in der Stadthalle
Bild: APA/APA/HELMUT FOHRINGER/HELMUT FOHRINGER
Mehr Witz, mehr Bühnenaufbauten und mehr Finaltickets: Am Donnerstag ging die Song-Contest-Party in der Wiener Stadthalle in ihre zweite Runde und offenbarte neben zehn Acts wie Dänemark oder Australien, die ins Finale einzogen, auch eine größere Bandbreite an Showelementen. So wirkte das Moderationsduo Veronica Swarovski und Michael Ostrowski schon besser eingespielt, durfte Vorjahressieger JJ einen neuen Song performen und erlebte auch Cosmó sein ESC-Debüt.
Der 19-jährige Sänger gab außer Konkurrenz seinen "Tanzschein" zum Besten und lieferte gemeinsam mit Gitarrist Sandro Humitsch sowie seinen mit silber-glitzernden Tiermasken versehenen Tänzern eine solide Performance ab, die einigermaßen reduziert daherkam und stark auf die prägnanten Dancemoves setzte. Luft nach oben fürs Finale gibt es aber allemal. Schon ziemlich gut in Schuss war Søren Torpegaard Lund, gilt der Däne mit seiner kühl-ästhetischen Electronummer "Før Vi Går Hjem" doch als ein Mitfavorit und konnte sich letztlich für Samstag qualifizieren.
Radiopop von Australien, Choreoknaller von Bulgarien
Selbes galt auch für Delta Goodrem aus Australien, deren radiotauglicher Popsong "Eclipse" nicht nur ob der aufwendigen Inszenierung an ein Bond-Titelstück erinnerte. Da fuhr kurzerhand eine Hebebühne aus dem Klavier und bescherte der Sängerin einen würdigen und auch finaltauglichen Höhepunkt. Ein Knaller war auch der bulgarische Opener des Abends: Sängerin Dara absolvierte mit ihren Tänzerinnen und Tänzern eine schräg-intensive Wartezimmersitzung mit sehr kleinteiliger, aber ungemein mitreißender Choreografie.
Schon hier wurde deutlich: Das zweite Semifinale ist jenes der Schachteln. Gut ein Drittel der Acts setzte auf Inszenierungen, die zwar dem Publikum in der Halle ob aufgebauter Boxen teils die Sicht verstellten, aber tolle Fernsehbilder garantierten. Tschechiens Daniel Zizka unternehm etwa einen melancholischen Ausflug ins Spiegelkabinett ("Crossroads"), während Aidan aus Malta den von pulsierenden Lichtstelen eingekreisten Romantiker gab ("Bella"). Beide werden ihre gelungenen Shows im Finale wiederholen dürfen.
Barfuß unterwegs Richtung Finale
Energetisch ganz am anderen Ende der Skala hatte es sich Alexandra Căpitănescu bequem gemacht, sorgte die Rumänin mit ihrer Band bei "Choke Me" doch für harsche Töne zwischen Metal und Oper, was von einer düsteren Inszenierung mit Lack und Leder unterstrichen wurde. Für sie ging es ebenso ins Finale wie für Leléka aus der Ukraine, die dank "Ridnym" barfuß und mit mystischen Klängen ein Ticket ersang.
Dass Rock'n'Roll heuer einen guten Stand hat, durfte Norwegens Jonas Lovv am eigenen, stark tätowierten Leib erfahren, versammelte sein gleichermaßen druckvolles wie simples "Ya Ya Ya" doch genügend Jury- und Publikumsstimmen auf sich. Komplettiert wurden die Aufsteiger am Donnerstag von sommerlichem Mittelmeerpop aus Zypern (Antigoni lieferte bei "Jalla" eine feurige Show ab) und Balkanbombast von Alis aus Albanien, der mit "Nân" die Mütter in den Mittelpunkt rückte.
So groß hier die Freude, so groß auf der anderen Seite die Enttäuschung bei jenen Acts, für die es nicht reichte. Schade war es um Veronica Fusaro aus der Schweiz, die mit "Alice" eine coole Rocknummer inklusive Gitarrensolo in petto hatte, aber trotzdem nicht genügend Stimmen in ihrem Bühnennetz verfangen konnte. Der energetische Abgesang auf den Büroalltag von Simón aus Armenien ("Paloma Rumba") blieb genauso im Lift stecken wie Jivas einschläfernde Herzschmerzballade "Just Go", für die die Aserbaidschanerin auf eine Inszenierung quasi verzichtete. Leider nicht hilfreich war das ätherisch-liebliche "Mother Nature" für Luxemburgs Eva Marija, und Lettlands Atvara litt in "Ēnā" trotz toller Stimme umsonst mit ihrem imaginierten jüngeren Ich.
Die Jüngste und der Schrägste
Stichwort jung: Erst 17 Jahre zählt Frankreichs Monroe, womit sie die jüngste Teilnehmerin im diesjährigen Wettbewerb ist. Ungeachtet dessen wird ihr hervorragend intoniertes "Regarde" sehr hoch eingeschätzt, was auch die Performance am Donnerstag unterstrich. In erster Linie durch Skurrilität sticht hingegen Look Mum No Computer hervor, ist der britische Beitrag "Eins, Zwei, Drei" heuer doch eher in der Witzkiste verortet. Im Finale dabei ist er trotzdem.
Ebenjenes brachte JJ durch seinen Triumph in Basel im Vorjahr nach Wien. Nun durfte er auch erstmals bei seinem Heimspiel eingreifen und präsentierte mit der Ballade "Unknown" einen neuen Song, der nicht nur seine bekannte Melange aus Pop und Oper offerierte, sondern zudem eine üppige Anzahl an Tänzern und Seilartistinnen. Diese standen auch dem Moderationsduo zur Seite, als sich Swarovski und Ostrowski zur Überbrückung der Stimmabgabe durch das ohne ESC-Kontext daherkommende "I'm so excited" sangen und tanzten. Da wirkten ihre schunkelnde Walzereinlage oder die eingangs gesetzte Parodie auf "Wasted Love" schon deutlich gelungener. Wenn schon Schiffbruch erleiden, dann lieber so. Die Segel für Samstag sind also gesetzt.
(S E R V I C E - www.eurovision.com )
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