Direktor Föttinger nimmt Abschied von der Josefstadt

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von Agenturen

Föttinger verabschiedet sich nach 20 Jahren

Bild: APA/APA/GEORG HOCHMUTH/GEORG HOCHMUTH


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Ein "Panini"-Stickerheft, ein Best-of-Video und ein letztes Pressegespräch auf der Bühne: Unter dem Motto "20 Jahre Leidenschaft für das Theater in der Josefstadt" hat sich Direktor Herbert Föttinger am Dienstag mit einem zufriedenen, aber auch selbstkritischen Rückblick verabschiedet. Den Bühnenabschied begeht der 64-Jährige freilich erst am 30. Juni in der letzten Vorstellung von Peter Turrinis "Was für ein schönes Ende". "Beste Wünsche" übermittelte er seiner Nachfolgerin.

"Das Aufhören ist kein geografischer Ort, sondern die Summe aller Entscheidungen, die man getroffen hat", zeigte sich Föttinger in einem dreiviertelstündigen Abschiedsmonolog poetisch. Es gehe darum, am Ende zur Erkenntnis zu gelangen: "Genau diesen Weg wollten wir gehen." Und so blickte er auf 288 Premieren - davon 70 Uraufführungen und 38 österreichische Erstaufführungen - sowie eine durchschnittliche Auslastung von 85 Prozent zurück. Fünf Millionen Besucherinnen und Besucher haben das Haus insgesamt besucht, was zu einem Kartenerlös von 138 Millionen Euro geführt habe. Besonders dankbar zeigte er sich für 20 Millionen Euro an eingebrachten Sponsorengeldern.

"Ich bin stolz auf die Metamorphosen der beiden Theater"

Sein zu Beginn seiner Direktionszeit ausgegebenes Motto "Die Tradition im Griff, die Zukunft im Auge" habe er erfüllt. "Ich bin stolz auf die Metamorphosen der beiden Theater", so Föttinger, der auch die Generalsanierung von Haupthaus und den Kammerspielen verantwortete. "Wir durften das Theater in der Josefstadt gestalten, nicht nur verwalten." Im Jahr 2006 sei er nach 13 Jahren als Ensemblemitglied am Haus angetreten, um "das Gute zu bewahren", aber auch Veränderungen herbeizuführen - "aber nicht mit der Brechstange", wie er unterstrich. So habe er weiterhin auf österreichische Klassiker ("Nestroy, Raimund und auch ein bisschen Grillparzer") gesetzt, die die DNA der Josefstadt bildeten. Auch die großen Autoren des ausgehenden 19. Jahrhunderts (Schnitzler, Feydeau, Wilde) seien geblieben und vom Publikum geliebt worden. Dazu gekommen ist hingegen die heimische Dramatik. "Die Josefstadt muss ein Kreißsaal der Gegenwartsdramatik sein", habe er sich vorgenommen. Allen voran nannte er als "ganz großen Verbündeten" Peter Turrini, dazu Felix Mitterer, Daniel Kehlmann, Lisa Wentz oder Thomas Arzt.

"Die Josefstadt war immer ein großes Schauspielertheater - darauf wollte ich nicht verzichten", erläuterte Föttinger, warum er das Ensemble auf 50 Personen ausbaute und zusätzlich hochkarätige Gäste ans Haus geholt habe. Mit Regisseur:innen wie Mateja Koležnik (die dann allerdings dem Ruf ans Burgtheater gefolgt ist), David Bösch oder Franz Wittenbrink habe er "neue künstlerische Handschriften" ans Haus geholt und mit Claus Peymann und Matthias Hartmann auch zwei Burgtheaterdirektoren als Regisseure verpflichtet. "Das hat dem Theater gut getan", ist sich Föttinger sicher.

Geschichtsaufarbeitung und gesellschaftspolitische Themen

Äußerst wichtig sei es ihm angesichts des Rechtsrucks gewesen, die Geschichte des Hauses im Nationalsozialismus im Rahmen eines Symposiums und einer Publikation aufzuarbeiten. Auch inhaltlich habe er sich dem Thema mit Stücken wie der Visconti-Dramatisierung "Die Verdammten", Mitterers "Der Boxer" oder Elfriede Jelineks "Rechnitz" gewidmet. "Wir haben auch gesellschaftspolitisch brisante Themen wie etwa Missbrauch in den Vordergrund gerückt." So etwa Vinterbergs "Das Fest", das er "trotz aller Widerstände" programmiert habe.

Zugleich sei es ihm wichtig gewesen, nicht nur bürgerliche und großbürgerliche Stoffe zu zeigen, sondern auch Geschichten der Arbeiterklasse oder von Benachteiligten zu erzählen. "Das hat mir zum Teil den Ruf eingebracht, die Josefstadt übernehme die Funktion des Volkstheaters", lachte Föttinger. "Die Josefstadt sollte nicht nur Plüschtheater der feinen Gesellschaft sein, sondern auch jene zeigen, die nicht im Licht stehen." Dies sei ihm vor allem mit Stücken von Horváth, Turrini und Mitterer gelungen. "Aber diese Haltung wollte ich nicht nur auf der Bühne zeigen", verwies er etwa auf seine Bestrebungen zur Angleichung der Gagen zwischen Schauspielerinnen und Schauspielern, die er erreicht habe.

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"Ein bissl rot", aber nicht im parteipolitischen Sinne

Aber auch hinter der Bühne sei es ihm wichtig gewesen, gute Arbeitsbedingungen zu schaffen und etwa Bereiche wie die Werkstätten oder den Publikumsdienst nicht "outzusourcen". "Wir waren sozial und demokratisch. Wenn man das zusammenfügt: sozialdemokratisch und ein bissl rot." Damit nahm Föttinger Bezug auf jenen "Aufschrei", der vor zwei Jahren auf seine Aussage "Die Josefstadt ist durch mich relativ rot geworden" folgte. Aber: "Das war ein Missverständnis: Rot ist für mich nicht Parteipolitik, sondern gesellschaftspolitische Haltung."

Schlussendlich thematisierte Föttinger auch jene "Vorwurfskampagne" rund um angeblich nicht aufgearbeitete Fälle von sexueller Belästigung im Ensemble und einem "Klima der Angst", die seine Direktion im Herbst 2024 erschütterte. Er sei damals "sehr getroffen" gewesen. "Ich konnte das damals nicht nachvollziehen, muss aber zugestehen, dass andere vielleicht ein anderes Gefühl hatten." Im Nachgang sei er "gescheiter geworden, habe sehr viel nachgedacht und muss zugeben, dass ich in meiner ungebremsten Leidenschaft Menschen überfordert und verletzt habe. Da habe ich einen Fehler gemacht. Ich entschuldige mich bei allen, die ich verletzt habe." Peter Turrini habe ihm damals zu verstehen gegeben, dass ein Kapitän das Schiff nicht bei hohem Wellengang verlässt. "Ich habe den Rat befolgt und bin darüber sehr froh." Dieses Schiff fahre nun in 56 Tagen in den Hafen ein. "Die Schiffe stehen gut da, sie glänzen richtig in der Sonne. Wenn wir das Schiff einer neuen Crew übergeben, können wir mit Stolz von Bord gehen!"

"Nur das Beste" für die Nachfolgerin

Seiner Nachfolgerin Marie Rötzer wünsche er "nur das Beste". "Ich habe nicht 20 Jahre hier gearbeitet, dass ich jetzt einen schlechten Wunsch übrig hätte." Er sei froh, dass die neue Intendanz im Herbst - wie kolportiert wurde, das Programm wurde noch nicht offiziell vorgestellt - mit Turrinis "Der tollste Tag" eröffnen werde. "Es ist erfreulich, dass dieser Weg weitergegangen wird." Man solle die Literatur in diesem Haus nicht ganz vergessen. Er selbst nimmt sich jetzt erst einmal eine Auszeit in Ägypten. Ob er dort auch inszenieren wird? "Wenn ich ganz ehrlich bin, ich glaube, ich werde dort nicht inszenieren. Aber ich glaube, ich wäre die richtige Person für das dortige Operntheater", so Föttinger scherzend auf APA-Nachfrage. "Wer weiß, ob man mich einlädt. Wir warten ab."

Durchaus ungewöhnlich ist jene Publikation, mit der das Publikum noch einmal auf 20 Jahre zurückblicken kann. Das Theater in der Josefstadt hat ein eigenes "Panini"-Stickerheft aufgelegt, das sich thematisch den gezeigten Uraufführungen, musikalischen Highlights, den Autorinnen und Autoren oder der Generalsanierung widmet. Für 8 Euro (inklusive 10 Stickern als Starterset) kann es an der Theaterkasse genauso erworben werden wie die restlichen Packerln, die zu je 1 Euro nach und nach aufgelegt werden. Eine Besonderheit: Statt Zahlen finden sich Stücktitel und Namen auf der Rückseite. Dann steht dem fröhlichen Suchen und Kleben nichts mehr im Wege.

(S E R V I C E - www.josefstadt.org )

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