Stadt-RH übt Kritik an Wiens Kinder- und Jugendhilfe
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Bild: APA/APA/dpa/Elisa Schu
Der Stadtrechnungshof sieht bei der Umsetzung seiner Empfehlungen in der Wiener Kinder- und Jugendhilfe (MA 11) weiterhin deutlichen Handlungsbedarf. Laut aktuellem Follow-up-Bericht wurde weniger als die Hälfte der insgesamt 31 Empfehlungen vollständig umgesetzt, während zahlreiche Maßnahmen noch in Umsetzung oder erst geplant sind. Außerdem stellte er mehrfach Abweichungen zwischen den Angaben der geprüften Stelle und dem tatsächlichen Umsetzungsstand fest.
Konkret wurden 14 Empfehlungen (45,2 Prozent) vollständig umgesetzt, ebenso viele befanden sich noch in Umsetzung. Zwei Maßnahmen waren lediglich geplant oder in Bearbeitung, eine Empfehlung wurde nicht verfolgt. Der Stadtrechnungshof ortet damit nicht nur Verzögerungen, sondern auch Defizite im Umgang mit den eigenen Reformvorgaben.
Inhaltlich betreffen die offenen Punkte zentrale Steuerungs- und Strukturfragen. So fehlen weiterhin einheitliche Kennzahlen und ein standardisiertes Berichtswesen - zentrale Instrumente für eine wirksame Steuerung. Die Umsetzung soll erst mit dem Digitalisierungsprojekt "Mag Elf Digital" erfolgen, das voraussichtlich erst Ende 2027 abgeschlossen wird.
Handlungsbedarf in vielen Bereichen
Auch bei Organisation und Personal besteht laut Bericht erheblicher Handlungsbedarf. Der Stadtrechnungshof fordert eine bessere personelle Ausstattung, klarere Zuständigkeiten sowie effizientere administrative Abläufe. Entsprechende Maßnahmen hängen laut MA 11 teils von budgetären Entscheidungen ab.
Im Bereich der Pflegekinder werden ebenfalls strukturelle Schwächen aufgezeigt. Zwar wurden einzelne Empfehlungen - etwa zur besseren Dokumentation von Eignungsprüfungen - bereits umgesetzt, in anderen Bereichen bestehen jedoch weiterhin Lücken, etwa bei der systematischen Erfassung von Aus- und Fortbildungen oder bei der Analyse langer Aufenthalte in der Krisenpflege.
Mitarbeitende nahmen Krisenpflegekinder auf
Im Herbst 2025 war bekannt geworden, dass fünf Mitarbeitende die Unterbringung von Krisenpflegekindern (Babys und Kleinkinder bis zwei Jahre) im eigenen Haushalt übernommen hatten - weil es in den städtischen Krisenzentren und bei Krisenpflegepersonen keinen Platz gab. "Das "aufopferungsvolle Engagement der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist beeindruckend", doch hätte es nicht soweit kommen dürfen, kritisierte Ursula Berner, Familiensprecherin der Wiener Grünen in einer Aussendung. Außerdem hätten diese Mitarbeitenden keine adäquate Eignungsprüfung absolvieren müssen, um Kinder im eigenen Haushalt aufnehmen zu dürfen, und auch keine Strafregisterauszüge vorlegen müssen. Auch eine finanzielle Besserstellung der MA-11-Kinder- und Jugendhilfe-Mitarbeitenden gegenüber den anderen Krisenpflegepersonen wurde kritisiert. Laut MA 11 sei die Aufnahme einmalig im Rahmen einer Notsituation erfolgt. Wie aus dem Jahresbericht der MA 11 hervorgeht, gab es Ende 2025 in Wien 883 Pflegefamilien und 36 Krisenpflegefamilien.
Kritik des Stadtrechnungshofs gibt es zudem an der Organisation der Pflegeaufsicht. Hier fordert der Stadtrechnungshof klarere Regeln, eine bessere Dokumentation sowie Maßnahmen zur Sicherstellung der Unabhängigkeit. Erste Schritte seien gesetzt worden, reichen aus Sicht der Prüfer jedoch nicht aus. Handlungsbedarf besteht auch bei bundesländerübergreifenden und internationalen Pflegeverhältnissen. Laut Bericht fehlen teilweise klare Strukturen sowie verbindliche Regelungen, insbesondere bei finanziellen Fragen.
Stadtrechnungshof fordert zeitnahe Umsetzung
Der Stadtrechnungshof betont, dass gerade im sensiblen Bereich der Kinder- und Jugendhilfe eine konsequente und zeitnahe Umsetzung der Empfehlungen wesentlich sei. Verzögerungen bei zentralen Reformprojekten und unklare Strukturen könnten nicht nur die Effizienz der Verwaltung beeinträchtigen, sondern auch Auswirkungen auf das Kindeswohl haben. Nicht zuletzt empfahl der Stadtrechnungshof, noch effektivere Maßnahmen als bisher zur Gewinnung von Pflegepersonen zu setzen und die Unterstützungsangebote für Pflegefamilien noch mehr an deren Bedürfnisse anzupassen.
"Wenn grundlegende Sicherheitsstandards nicht eingehalten werden, gleichzeitig keine Kontrolle besteht und Mitarbeiter finanziell gegenüber Krisenpflegeeltern und Pflegeeltern bevorzugt werden, dann brauchen wir uns nicht wundern, dass das System nicht funktioniert. Hier geht es um den Schutz von Kindern, und genau dieser Schutz wird derzeit nicht ausreichend gewährleistet. Die Empfehlungen des Stadtrechnungshofs müssen endlich vollends umgesetzt werden", betonte die Familiensprecherin der Wiener ÖVP, Sabine Keri, in einer Aussendung.
"Der Stadtrechnungshofbericht führt in aller Deutlichkeit vor Augen, dass die Zustände unter der zuständigen NEOS-Stadträtin Bettina Emmerling seit Jahren einfach nicht besser werden. Betroffene Kinder und Jugendliche sowie engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden hier im Stich gelassen", kritisierte auch Berner.
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