Experte: Ölpreiskrise auch wegen ukrainischer Aktionen

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von Agenturen

Nord-Stream-Sprengung war spektakulärster ukrainischer Kriegserfolg

Bild: APA/APA/DANISH DEFENCE/HANDOUT


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Die aktuelle Ölpreiskrise ist nicht nur eine Folge der Hormuz-Blockade, sondern hat auch mit den ukrainischen Schlägen gegen die russische Ölinfrastruktur zu tun. Dies betont der Investigativjournalist Bojan Pancevski, der in einem Buch die ukrainische Urheberschaft der Nord-Stream-Sprengung festgestellt hat. Auf die Frage, ob weitere solche Aktionen zu erwarten seien, sagte Pancevski am Mittwoch der APA in Wien: "Das passiert jeden Tag, und trägt zur Krise im Iran bei."

"Die Ukrainer greifen jeden Tag Häfen, Raffinerien und auch Tanker (Russlands, Anm.) an." Alle fünf Ölhäfen Russlands seien im Visier des Nachbarlandes, und einer davon sei komplett zerstört worden, erläuterte Pancevski bei einem Pressegespräch des forum journalismus und medien (fjum) in Wien. Die Ukraine könne mittlerweile jedes Ziel in Russland angreifen, wobei vorzugsweise Drohnen eingesetzt werden. Dies sei an die Stelle von "James-Bond-Verhalten" getreten, sagte er in Anspielung auf die spektakuläre Sprengung der Nord-Stream-Pipeline in der Ostsee.

Bericht über US-Urheberschaft "völlig falsch"

Der Korrespondent des "Wall Street Journal" berichtete, wie er in dreijährigen Recherchen und fast 100 Interviews die Hintergründe der Sprengung im September 2022 aufklären konnte. Einen Bericht des US-Starjournalisten Seymour Hersh, wonach diese von US-Tauchern durchgeführt worden sei, bezeichnete Pancevski als "völlig falsch". Hersh stütze seinen Bericht nur auf eine einzige Quelle, und seine Angaben - etwa zu US-Schiffen in der Ostsee - seien widerlegt. Er selbst habe praktisch mit allen Verantwortlichen in den USA von CIA-Chef Nicholas Burns abwärts gesprochen, und sie hätten klar gemacht, dass die USA gegen die Sprengung gewesen seien. Sobald man von den Plänen erfahren habe, habe man auf Kiew eingewirkt, es nicht zu tun. Die Ukraine habe aber eigenständig entschieden, weil sie sich in einem Überlebenskampf gegen Russland befinde.

Pancevski sieht auch keinen Hinweis darauf, dass die Sprengung eine "False-Flag"-Aktion Russlands gewesen sein könnte. "Nein, überhaupt nicht", sagte er auf eine Frage des "Standard"-Kolumnisten Hans Rauscher. Nord Stream sei nämlich "die wirksamste geopolitische Waffe" von Kreml-Chef Wladimir Putin gewesen, und entsprechend habe Russland keinerlei Motivation haben können, die Pipeline zu zerstören. "Auch ich selbst war schon zu Beginn überzeugt, dass die Russen kein Motiv hatten."

Polnische Justiz lockte Deutsche auf falsche Fährte

Pancevski äußerte sich lobend über die deutschen Ermittler, die den Fall beharrlich und gegen massive Widerstände gelöst haben. "Sie hatten sehr wenige Ressourcen, aber sie haben wie Ingenieure gearbeitet, Schritt für Schritt." Hingegen habe die schwedische Justiz ihre Ermittlungen eingestellt und wertvolles am Meeresgrund gesichertes Beweismaterial unter Verschluss genommen - weil die Sprengung nicht das nationale Interesse des nordischen Staates berührte. Die polnische Justiz habe ihre deutschen Kollegen sogar auf falsche Fährten gelockt, indem sie ihnen russische Verdächtige als vermeintliche Taucher präsentiert habe. Ein mutmaßlicher ukrainischer Täter sei hingegen laufen gelassen worden, obwohl Warschau ihn nach EU-Recht an Deutschland hätte ausliefern müssen. Während die deutsche Justiz allein dem Rechtsstaat verpflichtet gewesen sei, habe die polnische im nationalen Interesse gearbeitet, kritisierte Pancevski.

Für die Ukraine war die Aktion ein spektakulärer Erfolg: Mit einem Budget von 250.000 Dollar wurde eine 20 Milliarden Dollar teure Gasleitung zerstört. "Es wurde niemand festgenommen, und niemand getötet. Sie schafften etwas unglaublich Kompliziertes mit wenigen Ressourcen", sagte Pancevski. Allerdings sei die damals ebenfalls geplante Aktion gegen die Turkstream-Pipeline im Schwarzen Meer ein völliger Fehlschlag gewesen.

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Zivile Taucher nach Nord-Stream-Sprengung "sehr verärgert"

Besorgt zeigte sich Pancevski über das Schicksal der vier Taucher, die eine zentrale Rolle bei der Aktion spielten. Weil Militärtaucher nur bis zu einer Tiefe von 40 Meter eingesetzt werden können, mussten die ukrainischen Verantwortlichen zivile Tiefseetaucher anheuern. Diese hätten ehrenamtlich und "aus Patriotismus" mitgemacht und ihr Leben riskiert, was aber unbedankt geblieben sei. Anders als die militärischen Beteiligten hätten sie keine Ehrungen bekommen. Ähnlich wie Surfer seien auch Taucher eine eingeschworene Community, die auch sehr gerne in der Welt unterwegs seien. Dies könnten die an der Sprengung beteiligten Taucher nicht mehr. "Sie sind sehr verärgert", so Pancevski. "Ich denke, sie sind allseits in Gefahr - von Russland, Deutschland und der Ukraine. Ein deutscher Polizist hat mir einmal gesagt, dass sie wohl in deutscher Haft am sichersten wären", so Pancevski, der sein Buch "Die Nord Stream Sprengung" am morgigen Donnerstag um 19.00 Uhr in der Buchhandlung Thalia in der Wiener Mariahilfer Straße präsentiert.

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