"Kinderschutz bei sexualisierter Gewalt" als zentrales Thema
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Bild: APA/APA/dpa/Fabian Sommer
"Kinderschutz bei sexualisierter Gewalt" ist das zentrale Thema der vierten Kinderschutztagung Anfang Mai. Im Rahmen einer Online-Presskonferenz sind am Mittwoch die Hürden im Umgang mit Missbrauch erörtert worden. Petra Birchbauer, Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands Österreichischer Kinderschutzzentren, sprach sich dabei für "regelmäßige Kampagnen zur Sensibilisierung" aus. Und nicht nur wegen der schwachen Datenlage liegt in diesem Bereich vieles im Dunkelfeld.
Sexueller Missbrauch und sexualisierte Gewalt sind nicht nur eine der schwersten Formen der Kindeswohlgefährdung, sie können bei mangelnder Unterstützung bleibende Folgen haben. Das Ausmaß ist jedoch schon aufgrund der Datenlage in Österreich schwer fassbar. Beispielsweise zeigt eine Studie der Statistik Austria aus dem Jahr 2022, dass 7,1 Prozent der Mädchen im Alter unter 15 Jahren von sexualisierter Gewalt betroffen sind, Prävalenzraten bei Burschen gibt es hingegen keine, erläuterte die Expertin.
Nimmt man die aktuelle Anzeigenstatistik von 2025, die laut Birchbauer jedoch nur einen Bruchteil des tatsächlichen Ausmaßes aufzeige, so sind 44 Prozent aller Betroffenen von Sexualdelikten minderjährig; beziehe man junge Erwachsene bis 21 Jahre mit ein, liegt er bei 55 Prozent. Das "verdeutlicht das Ausmaß, in dem Kinder und Jugendliche von sexualisierter Gewalt bedroht sind", so die Expertin. Der Anteil an Burschen liegt hier bei 22 Prozent. Und was die Täter und Täterinnen betrifft, so kennen 75 Prozent der Kinder und Jugendlichen die Personen, die meist aus dem erweiterten familiären Umfeld oder Bekanntenkreis stammen.
"Schweigen hat erhebliche Folgen"
Aus Sicht der Expertin geht es für die Betroffenen darum, möglichst früh über das Geschehene zu sprechen, denn "Schweigen hat erhebliche Folgen". Die Ursachen dafür reichen von Scham bis hin zur engen Bindung an die missbrauchende Person. Schweigen erhöhe aber einerseits die Gefahr der Reviktimisierung und kann den Behandlungserfolg schmälern.
Die langfristigen Auswirkungen wurden in Deutschland in einem Forschungsprojekt zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs untersucht. 600 Betroffene wurden in qualitativen und quantitativen Erhebungen befragt, erläuterte die Berliner Sozialwissenschafterin Bianca Nagel. Fast ein Drittel der Befragten gab an, dass die eigene Betroffenheit die Frage nach einer möglichen Elternschaft beeinflusst habe. "Auch die Angst, die eigenen Kinder nicht schützen zu können, war allgegenwärtig", berichtete Nagel und nannte in diesem Kontext das Risiko der Überbehütung. Es wurde jedoch auch festgestellt, dass andererseits viele Eltern der Meinung waren, dass sie sich besonders gut in der Lage fühlten, ihre Kinder über Risiken aufzuklären und zu unterstützen.
Eines wurde in der Expertenrunde offensichtlich: Beim Thema sexualisierte Gewalt gibt es weiterhin den Bedarf an Aufklärung und Sensibilisierung. Auf der Opferseite nannte Peter Caspari, wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Praxisforschung und Projektberatung München, Buben, die davon betroffen sind. "Sie haben nach wie vor mit Vorurteilen zu kämpfen", so Caspari. Etwa, dass sich Buben besser wehren könnten, oder sich leichter täten, das Geschehene zu verarbeiten. Was Letzteres betrifft, so wisse man aus Aufarbeitung und klinischen Studien, dass dies nicht der Fall ist. Besonders gefährdet seien Buben und junge Männer mit Migrationshintergrund oder solche, die in Heimeinrichtungen leben.
Formen der Gewalt sehr ähnlich
Mit der zweiten, vorurteilsbehafteten Gruppe auf Täterseite befasste sich Dirk Bange, Leiter des Amtes für Familie in Hamburg: den Frauen. "Wir brauchen unbedingt eine Debatte über sexualisierte Gewalt, die von Frauen ausgeübt wird", so der Experte. In der Praxis erlebe man laut Bange hier oft Unglauben, weil es nicht zum vorherrschenden Frauenbild passe. Es gehe nicht darum, männliche und weibliche Täter gegeneinander auszuspielen. Ohnehin seien die Motive geschlechterübergreifend Machtausübung bzw. die sexuelle Befriedigung durch Macht und Gewalt - auch die Formen der Gewalt äußern sich recht ähnlich. "Auch Täterinnen haben oft eine schwierige Kindheit und Missbrauchserfahrungen erlebt", so Bange - und wie auch bei Männern brauche es eben die angesprochene frühzeitige Hilfe.
Hedwig Wölfl, stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbands Österreichischer Kinderschutzzentren, beschrieb die Herausforderungen bei sexualisierter Gewalt im digitalen Raum und den bekannten Formen von Grooming bis Sexting. Jedoch biete der digitale Raum für seine jungen Besucher aber auch "neue Möglichkeiten für Aufklärung, Identitätsentwicklung und selbstbestimmte sexuelle Ausdrucksformen", so Wölfl. "Zeitgemäßer Kinderschutz berücksichtigt beides", stellte Wölfl fest. Reagiert wurde jedenfalls bereits, indem im März das erste "Digitale Kinderschutzzentrum" präsentiert wurde.
Birchbauer unterstrich abschließend die Wichtigkeit der direkten Ansprache. "Kinder und Jugendliche, die Gewalt erlebt haben, können sie leichter verarbeiten, wenn sie andere Fälle kennen und wissen, was Gewalt ist, um ihr eigenes Erleben einzuordnen." Dafür brauche es die geforderten Kampagnen, die sich an die Betroffenen adressieren sollten und dabei auch Möglichkeiten der Aufarbeitung aufzeigen. Zusätzlich trat sie für "verpflichtende Schulungen für alle, die mit Kindern arbeiten" ein - etwa um zu lernen, über Gewalt zu sprechen, ohne die Kinder dabei zu beeinflussen. Letztendlich brauche der "Kinderschutz Investitionen, wenn man die langfristigen Folgen beenden will", so Birchbauer. Bei den Kinderschutzzentren seien die Ressourcen allein deswegen notwendig, um mit Betroffenen "schnell und direkt" agieren zu können.
(S E R V I C E - https://www.oe-kinderschutzzentren.at/ - https://digitales-kinderschutzzentrum.at/ )
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