Forschungsrat regt Hochschulfusionen an
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von AgenturenFORWIT-Chef Henzinger analysierte Hochschulsystem
Bild: APA/APA/HANS PUNZ/HANS PUNZ
Der Rat für Forschung, Wissenschaft, Innovation und Technologieentwicklung (FORWIT) regt in einer für das Wissenschaftsministerium erstellten Analyse des Hochschulsystems (freiwillige) Fusionen von Einrichtungen, neue Karrierewege für Forscher sowie eine Studienplatzbewirtschaftung mit Auswahl der Studierenden an. Unter anderem sollen die Pädagogischen Hochschulen in einer Fachhochschule für Bildung aufgehen.
Das Papier des FORWIT soll in den Prozess zur Erstellung der im Regierungsprogramm festgeschriebenen Hochschulstrategie 2040 einfließen. Ausdrücklicher Auftrag war dabei die Analyse des Systems. Empfehlungen spricht der Rat daher nicht ausdrücklich aus - anhand der von ihm festgestellten "Herausforderungen" für das System und einer am Ende erstellten "Vision" lassen sich solche aber durchaus erkennen.
Derzeit 77 Hochschulen
Derzeit gibt es in Österreich 77 Hochschuleinrichtungen in vier Sektoren (Öffentliche Universitäten, Fachhochschulen, Pädagogische Hochschulen, Privatuniversitäten bzw. -hochschulen) mit rund 350.000 Studierenden. An diesen sind rund 35.000 Personen (in Vollzeitäquivalenten) als wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angestellt. Die öffentliche Hand finanziert diese Hochschulen mit derzeit rund sechs Mrd. Euro pro Jahr.
Insgesamt wird das System als "wenig agil" beschrieben: "Auch die einzelnen Hochschulen sind langsam mit strukturellen Veränderungen, die die interne Organisation der Lehre und Forschung betreffen. Konzepte und Anreize zur Profilbildung einzelner Institutionen (wie etwa Zusammenlegungen oder Schwerpunktsetzungen) fehlen oder sind schwer umzusetzen." Die Möglichkeit der Zusammenlegung bestehender Einrichtungen werde nicht zur Profilstärkung eines Standorts und zur Hebung von Synergien genutzt, heißt es an einer anderen Stelle: "Institutionelle Innovation geschieht fast ausschließlich durch Neugründungen (wie zuletzt die IT:U in Linz)."
In seiner "Vision" wünscht sich der Rat, dass "jede öffentliche Hochschule" über ein klar definiertes und unterscheidbares Profil verfügt. "Um Sichtbarkeit und Effizienz zu erhöhen, haben sich mehrere Hochschulen zusammengeschlossen. Viele außeruniversitäre Forschungseinrichtungen sind an Hochschulen integriert und tragen zu deren Forschungsprofil und Reputation bei", so die Zielvorstellung. "77 Hochschulen sind zu viele, wenn alle gleich sind", meinte FORWIT-Präsident Thomas Henzinger Montagabend vor Journalisten. "Es sind nicht zu viele, wenn alle unterschiedliche Profile und Schwerpunkte haben." Für eine mögliche Zusammenführung von Hochschulen brauche es einen Prozess, der vom Ministerium angestoßen werden müsse.
Künftig nur mehr Unis und Fachhochschulen
Künftig soll es nach den Vorstellungen des Rats mit Unis und Fachhochschulen (FH) nur mehr zwei Sektoren geben, die jeweils öffentliche und private Einrichtungen haben. Die Pädagogischen Hochschulen würden in einer FH für Bildung aufgehen. Die FHs wiederum sollten deutlich ausgebaut werden und sich auf "exzellente Lehre" konzentrieren sowie eine "praxisorientierte Ausbildung oder akademische Bildung im Sinne von 'Liberal Arts' vermitteln". Die Forschung sowie die "Ausbildung wissenschaftsbasierter Professionen sowie künftiger Wissenschaftler:innen" sieht der Rat dagegen bei den Unis.
Alle Hochschulen sollen Studierende auswählen können
Änderungen wünscht sich der FORWIT auch bei den Studierenden. "Österreich leistet sich ein aus der Idee des offenen Hochschulzugangs entstandenes, wenig effizientes Studiensystem, das dem ursprünglichen System der sozialen Durchmischung nicht gerecht wird", konstatiert er. "Der offene Hochschulzugang hat paradoxerweise eher das Gegenteil bewirkt", so Henzinger. Im Vergleich zu anderen Ländern bringe Österreich weniger Absolventen hervor, deren Zusammensetzung noch dazu weniger divers ist. Für die Zukunft schlägt der Rat für alle Hochschulen ein einheitliches Studienrecht mit mehr Verbindlichkeit vor. Durch das etwa an FHs erprobte Modell der Studienplatzfinanzierung soll allen Hochschulen (und damit auch den Unis) die Auswahl der Studierenden erlaubt werden, um "optimale Betreuungsverhältnisse" zu schaffen.
Gleichzeitig wird eine gesetzliche Verankerung von Teilzeitstudien und Lifelong-Learning-Elementen vorgeschlagen, um flexiblere Studienmodelle zu ermöglichen. Ein "bedarfs- und leistungsorientierter Ausbau der Studienbeihilfe" soll das Hochschulsystem zugänglicher und sozial inklusiver machen.
"Einseitig auf Professur ausgerichtet"
Änderungsvorschläge hat der Rat auch in Sachen Karrieren an Unis. Derzeit sei das System "nach wie vor einseitig auf das Zielbild der Professur ausgerichtet". "Wir brauchen vielfältigere Karrierepfade - etwa Lecturer, Research Scientist, Lab Manager mit eigenen Entwicklungsmöglichkeiten", meinte Henzinger. "Lehrstuhlartige Strukturen sitzen noch immer tief im institutionellen Gedächtnis vieler Einrichtungen und behindern Teambildung und kollegiale Arbeitsformen", heißt es im Bericht. Außerdem beruhe die Beurteilung der Leistungen der Wissenschafterinnen und Wissenschafter vor allem auf deren Forschungsoutput, während Lehre, Wissenstransfer und Betreuung von Studierenden und Doktoranden nur wenig systematisch einfließen.
Vorgeschlagen wird unter anderem ein für alle Hochschulen einheitlicher Kollektivvertrag, der zwischen befristeten Ausbildungsstellen (vornehmlich an Universitäten) und unbefristeten Karrierestellen mit klar definierten Funktionsprofilen in den Bereichen Lehre, Forschung, Dritte Mission und wissenschaftlichen Dienstleistungen und Infrastruktur unterscheidet. Karrierestellen sollen Entwicklungsschritte ermöglichen und unbefristet (mit Kündigungsmöglichkeit) vergeben werden.
Eine Professur soll mit wissenschaftlicher und budgetärer Eigenständigkeit verbunden sein und einer "fairen, aber strikt gehandhabten Qualifikationsphase (Tenure Track) einhergehen". Über langfristige Budgetposten sowie Ausbildungs- und Karrierestellen sollen Departments als jene Einheiten, die Studienprogramme offerieren, entscheiden. Sie sollen Lehrstühle und kleinteilige Institute ersetzen - Kurien sollen der Vergangenheit angehören.
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