Wiener zeichnete Graphic Novel über Kunst-Guru Joseph Beuys

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Im Wald: Lenz Mosbacher und sein Joseph Beuys

Bild: APA/APA/Lenz Mosbacher


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Joseph Beuys (1921-1986) war einer der radikalsten Künstler des 20. Jahrhunderts. 40 Jahre nach seinem Tod holt nun ein außergewöhnliches Buch den deutschen Kunst-Schamanen ins Gespräch zurück. "Beuys - Die Erfindung der Wahrheit" nennt der 1993 geborene Wiener Zeichner und Autor Lenz Mosbacher seine erste Graphic Novel. In seiner Arbeit sei Beuys schon lange präsent, schildert er im Interview mit der APA: "Er hat sich in meine Skizzenbücher eingeschlichen."

Als Sohn eines Künstlerehepaares (mit seinem Vater Alois Mosbacher wird er sich am 7. Mai in der Secession öffentlich über Joseph Beuys austauschen) sei ihm der eigenwillige Aktionskünstler und Kunsttheoretiker, der das Leben selbst zur Kunst erhob und diese radikal mit der Politik verband, schon früh vertraut gewesen, erzählt er. Schon das Cover verrät, dass der Mann mit dem prägnanten Äußeren gerade für einen Zeichner eine große Anziehungskraft besaß: Mit asketischer Gestalt, stechendem Blick und dem immer gleichen Outfit mit Anglerweste und Hut inszenierte sich Beuys als ein Hohepriester der sozialen Kunst.

"Erfindung der Wahrheit" statt "eiskalte Fakten"

Mosbacher hat die wichtigsten Werke der mehrere Laufmeter umfassenden Sekundärliteratur studiert, jedoch festgestellt: "Bei Beuys macht es keinen Sinn, sich über die eiskalten Fakten zu nähern." So stößt man in seinem Buch zwar auf wesentliche biografische Eckpfeiler wie den Abschuss des Aufklärungsfliegers über der Krim, wo er von Tataren gerettet wurde, oder seine Kunstaktion "I like America and America likes Me", bei der er sich 1974 in einer New Yorker Galerie mit einem Kojoten einschließen ließ, darf aber nicht alles für bare Münze nehmen. "Die Erfindung der Wahrheit" nimmt die Beuys'sche Methode auf und spinnt daraus eine eigene Geschichte.

In dieser spielen zwei prominente Frauen eine besondere Rolle: die US-Intellektuelle Susan Sontag und die deutsche Terroristin Ulrike Meinhof, die sich in - historisch nicht belegten - persönlichen Begegnungen aus unterschiedlichsten Gründen fasziniert von der Radikalität dieses Denkers und Künstlers zeigen. "Ich habe ein Setting geschaffen, in dem sie miteinander agieren können und es dann laufen lassen", erklärt Mosbacher, betont aber: "Im Gegensatz zu Meinhof hat Beuys Gewalt immer abgelehnt."

Wiederkehr bei aktuellen Öko-Protesten

Das zeigt sich auch in einem Kapitel, das sich mit Beuys als einen der Pioniere der Öko-Bewegung beschäftigt. Während Mosbacher die legendäre Aktion in Kassel, als er zur documenta 7 ab 1982 das Kunstwerk "7.000 Eichen" pflanzen ließ, nur streift, lässt er ihn in die Kämpfe um den Hambacher Forst eingreifen. Dort kam es 2018 - also mehr als drei Jahrzehnte nach seinem Tod - zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und Umweltschützern, die gegen die geplante Rodung des ökologisch wertvollen Waldgebiets für den Braunkohleabbau eintraten. "Ich wollte die Frage behandeln, wie Beuys heute reagieren würde, auf das, was falsch läuft, wie sein Gedankengut weiterwirkt", sagt Mosbacher.

Die Freiheit im Umgang mit den Zeitebenen sei ihm wichtig gewesen, schließlich gebe es genug biografische Comics, die mehr wie illustrierte Wikipedia-Einträge denn wie eigenständige Auseinandersetzungen wirkten, meint er. Ein Glossar am Ende des Buches klärt auf, wie weit er sich jeweils von den gesicherten Fakten entfernt hat.

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"Zeichnen ist eine Methode, Dinge zu erzählen"

Fakten so aufzubereiten, dass sie eine Geschichte nahezu unmerklich begleiten, statt sie zu belasten, sei eine große Stärke von Sachcomics, glaubt Mosbacher: "Oftmals ist es in der Wissensvermittlung wichtiger zu zeigen, dass etwas komplizierter oder größer ist, als komplexe Themen mit Gewalt runterzubrechen." Dafür seien Comics gut geeignet, aber auch für die Strukturierung oder die Datenaufbereitung seien sie durch ihre leichte Zugänglichkeit eine ideale Vermittlungsform. "Das Oszillieren zwischen den kalten Daten und dem Emotionalen ist dabei eine sehr interessante Gratwanderung. Man muss im Sachcomic sehr gut übers Erzählen Bescheid wissen."

Heute sieht sich Lenz Mosbacher als Erzähler, der sich zeichnend wie schreibend ausdrückt. "Schon als kleines Kind wollte ich entweder Zeichner oder Schriftsteller werden." Im Comic hat er eine Form gefunden, beides zu vereinen. "Ich sehe Zeichnen, wie ich es mache, als Literatur mit sequenzieller Bildsprache. Für mich ist Zeichnen ein performativer Akt, eine Methode, Dinge zu erzählen. Und Comic hat für mich immer etwas Punkiges gehabt." Von Scott McClouds Standardwerk "Understanding Comics" und US-Pionieren wie Will Eisner fasziniert, machte er eine zweijährige Ausbildung zum Grafik-Designer und fasste bald in der Ausstellungsgestaltung Fuß.

Ausstellungsgestaltungen und Sachcomics

Auf einen Auftrag für die Niederösterreichische Landesausstellung 2019 folgte u.a. eine Schau zur burgenländischen Geschichte und in Bad Ischl eine Ausstellung zum Kulturhauptstadtjahr 2024 ("K.u.k. - kritisch und kontrovers"). Immer wieder musste der Zeichner dabei historische Leerstellen füllen: "So weiß man heute von den Awaren nicht, wie sie ausgesehen haben. Und von Franz Joseph ist nicht bekannt, unter welchen Umständen er in Ischl die Kriegserklärung unterzeichnet hat." Auslassungen zu füllen, ohne exaktes Wissen vorzutäuschen, Verständnis zu vermitteln, ohne zu didaktisch zu sein - diese Herausforderungen regen Mosbachers zeichnerische Fantasie an.

Gemeinsam mit Monika Ernst hat er Illuform gegründet, ein Studio für Storytelling und Wissensvermittlung, mit dem er etwa die Ausstellung "Frauen am Bau" für das Museum Baukultur in Neutal oder ein an Wiener Schulen in einer Auflage von 10.000 Stück verteiltes Comicheft über das Thema der ersten Menstruation ("Pippa checkt alles") entwickelt hat. "Solche Aufträge sind spannend - und können das andere finanzieren. Es braucht beides. Ich möchte weder das eine noch das andere missen. Beides ermöglicht mir, das Medium zu erweitern." - "Beuys - Die Erfindung der Wahrheit" wird am 5. Mai im Literaturhaus Wien präsentiert. Und das nächste Buchprojekt ist bereits in Arbeit.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - Lenz Mosbacher: "Beuys - Die Erfindung der Wahrheit", avant-verlag, 264 Seiten, 30 Euro, Buchpräsentation am 5.5., 19 Uhr, im Literaturhaus Wien; Alois Mosbacher und Lenz Mosbacher im Gespräch über Joseph Beuys am 7.5., 18.30 Uhr in der Secession Wien. www.lenzmosbacher.com )

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