Im Foto Arsenal Wien wird ein Automechaniker zum Papst

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von Agenturen

Der Papst - dargestellt von einem polnischen Automechaniker

Bild: APA/APA/Foto Arsenal/Collection B. Decharme


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Jemand schlüpft in die Rolle des Papstes, Kleopatras oder Mutter Teresas und drückt den Auslöser: Hinter diesen Selbstporträts steckt allerdings nicht Cindy Sherman, sondern ein polnischer Automechaniker namens Tomasz Machcinski. Er ist einer jener Autodidakten, die die Schau "Photo I Brut. Feeling Photography" vor den Vorhang holt. Zu sehen sind die skurrilen wie berührenden Arbeiten gesellschaftlicher Outsider oder beeinträchtigter Menschen ab Freitag im Foto Arsenal Wien.

"Es geht um die Frage, wie Menschen mit wenig oder keinem Bezug zur Kunst die Fotografie so nutzen, dass es Kunst wird", umriss Direktor Felix Hoffmann bei einem Medientermin am Donnerstag den programmatischen Rahmen der Ausstellung, die einen exemplarischen Einblick in insgesamt mehr als 40 künstlerische Prozesse aus über zehn Nationen bietet. Sie speist sich aus der Sammlung des französischen Filmemachers Bruno Decharme, der eine der größten Photo-Brut-Sammlungen der Welt sein Eigen nennen darf. Der Begriff lehnt sich an die Art Brut an, die ein Schaffen außerhalb der etablierten Kunstszene und ihrer Institutionen beschreibt.

Den hier gezeigten Amateur-Aufnahmen haftet oft etwas Manisches an. So hat der Automechaniker Machcinski in über vier Jahrzehnten rund 22.000 Fotos gemacht und sich dabei auch um die passenden Kostüme und das Maskenbild gekümmert.

Eine Rauchwaren-Skyline aus Pornoheft-Ausrissen

Eine gewisse Besessenheit kann man auch Kazuo Handa nicht absprechen. Der japanische Werftarbeiter riss Tausende Streifen aus Pornomagazinen, drehte oder klebte sie zu Pfeifen, Zigarettenetuis oder Aschenbecher zusammen und "widmete sich damit seiner zweiten Leidenschaft: dem Rauchen", so Hoffmann. Die filigranen Artefakte sind in einer Glasvitrine ausgestellt und ergeben eine Art Skyline aus der Welt der Rauchwaren. Ihr Schöpfer selbst starb 2016 an Mundhöhlenkrebs. Seine Basteleien führen vor Augen, dass es in der Schau nicht nur um angefertigte Fotografien, sondern auch um den kreativen Umgang mit Bildmaterial an sich geht.

Wie in der Art Brut üblich, tragen die Fotos häufig Spuren persönlicher Erfahrungen infolge physischer oder psychischer Erkrankungen und damit verbundene Ablehnung oder Isolierung. "Die Biografien spielen eine große Rolle", betonte Hoffmann. Da gibt es etwa die Aufnahmen von Mark Hogancamp, der 2000 in Kingston (New York) von fünf Männern fast zu Tode geprügelt wurde, nachdem er ihnen erzählt hatte, gerne Frauenkleider zu tragen. Er leidet noch heute unter bleibenden Hirnschäden. Um sein Trauma zu verarbeiten, schuf er in seinem Garten eine Art Puppenstadt und inszeniert dort Kampfszenen und Momente des Alltags. Die Angreifer ziehen dabei stets den Kürzeren.

Schaurige Collagen und kalte Strahlung

Der schizophrene "Jorge" aus Kuba ist mit seinen genähten Collagen vertreten, die er aus gefundenem Fotomaterial anfertigt und dabei oft schaurige Kompositionen inklusive Enthauptungen, herausgeschnittenen Augen oder teuflischen Attributen zusammenfügt. Horst Ademeit aus Deutschland hat wiederum rund 6.000 Polaroids gemacht und sie in mikroskopisch kleiner Schrift vollgekritzelt, um die Existenz "kalter Strahlung" und ihrer schädlichen Auswirkungen zu dokumentieren. "Es geht oft auch um die Frage: Wie kriegt man Dinge aus dem Kopf?", erklärte der Hausherr.

Ein kleiner Teil der Ausstellungsfläche im Foto Arsenal ist indes Lu Yang vorbehalten. Was hier zu sehen ist, unterscheidet sich ästhetisch und inhaltlich merkbar vom übrigen Bildmaterial. Kein Wunder: Die Arbeit des 1984 in Shanghai geborenen und in Tokio lebenden chinesischen Künstlers, der geschlechtsneutral bezeichnet werden möchte, hat mit Photo Brut nichts zu tun, sondern ist eines der Herzstücke des Festivals Vienna Digital Cultures, das heuer ebenfalls vom Foto Arsenal veranstaltet wird und ab Freitag über die Bühne geht.

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Digital Cultures Festival fragt "Alone or Together?"

Lu Yang ist mit seiner "DOKU Trilogie" vertreten - der neueste, vierte Teil ist gerade bei der Biennale in Venedig zu bestaunen. In dieser Filmreihe bewegt sich ein DOKU genannter Avatar des Kunstschaffenden durch fantastische, teils KI-generierte Szenerien. Mit den Mitteln der Videospielästhetik, der Motion-Capture-Technologie und der buddhistischen Philosophie werden hier auf eindringliche Weise Fragen gestellt nach der Identität und dem Bewusstsein in Zeiten, in denen das Selbst in genetische Codes, messbare Gehirnaktivität und algorithmische Verhaltensweisen zerlegt werden kann. Auf der Biennale in Venedig wird übrigens gerade der vierte "DOKU"-Teil Lu Yangs gezeigt.

"Alone or Together?", lautet das Motto des diesjährigen Festivals, das seit dem Vorjahr alternierend von der Kunsthalle Wien und dem Foto Arsenal Wien organisiert wird. In Gesprächsrunden, Workshops, Vorträgen und anhand künstlerischer Positionen soll von Freitag bis Sonntag u.a. der Frage nachgegangen werden, inwiefern die digitale Vernetzung und Transformation unser Zusammenleben formt oder beeinflusst. "Wenn wir uns nicht damit auseinandersetzen, sagen uns die Konzerne im Silicon Valley, was wir darüber denken sollen", betonte Festivalkurator Nadim Samman.

Positionen zum Krieg

Lu Yangs Filmtrilogie ist allerdings über das Festivalwochenende hinaus zu sehen - und zwar bis 6. September. Bis dahin bleibt auch Fabian Knechts Installation "Lachen ist verdächtig, seit 2022" an der Fassade des Foto Arsenals zu sehen. Sie besteht aus zig handgeknüpften Tarnnetzen, hergestellt von Frauen und Kindern in der Ukraine, um fehlendes Tarnmaterial vor allem aus der Anfangszeit des Krieges zu ersetzen. Knecht sammelte die "militärisch völlig unbrauchbaren Netze", wie er selbst sagt, während humanitärer Missionen und tauschte sie gegen professionelle Camouflage-Netze aus. Für ihn sind die handgefertigten Behelfe "die Basis des zivilen Widerstands" in der Ukraine.

Mit dem Krieg befasst sich auch Peter Kutins Sound- und Lichtinstallation "Para Bellum" in der Panzerhalle des ebenfalls am Arsenal-Gelände befindlichen Heeresgeschichtlichen Museums, das dieses Jahr Festivalpartner ist. Wer die u.a. durch Lichtblitze, Geknattere und Explosionsgeräusche entstehende bedrohliche Atmosphäre inmitten schweren Kriegsgeräts spüren möchte, muss sich beeilen. "Para Bellum" ist nur am Vienna Digital Cultures-Wochenende und also bis Sonntag erlebbar.

(S E R V I C E - "Photo I Brut. Feeling Photography", ab Freitag und bis 6. September im Foto Arsenal Wien; Festival Vienna Digital Cultures im Foto Arsenal und an anderen Locations, Freitag bis Sonntag; https://www.fotoarsenalwien.at/de/ ; https://viennadigitalcultures.at/de )

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