Kunstbiennale Venedig zeigt Puppen, Playmobil und Polyphonie

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Im japanischen Pavillon regieren die Puppen

Bild: APA/Wolfgang Huber-Lang


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Es ist und bleibt eine Überforderung. Auch ohne die politischen Aufregungen, die heuer die Kunstbiennale Venedig in Zusammenhang mit der Teilnahme von Russland und Israel schon vor ihrer Eröffnung bestimmen, wiederholt sich bei einem ersten Rundgang durch das gigantische Kunstangebot das Gefühl der vergangenen Jahre: viel zu viel Kunst, viel zu wenig Zeit.

Schon am verregneten ersten Previewtag war am Dienstag die durchschnittliche Verweildauer des Kunsttrosses vor einem einzelnen Werk minimal und wurde Letzteres häufig überhaupt nur via Smartphonedisplay wahrgenommen. Ob die Millionen Fotos, die von hier in die Welt gehen, zuhause ruhiger und gründlicher studiert werden, darf bezweifelt werden, auch die Identifizierung ist diesmal nicht einfach, jedenfalls in der Hauptausstellung. Hier lassen sich in manchen Räumen durch uneindeutige Beschriftung einzelne Objekte nur schwer einzelnen Künstlern zuordnen. Dafür hat man frühere Kritik berücksichtigt und heuer für deutlich mehr Sitzgelegenheiten gesorgt als früher.

Die "Frequenzen der Seele"

"In Minor Keys" (In Moll-Tonarten) hat die vor einem Jahr gestorbene, kamerunisch-schweizerische Kuratorin Koyo Kouoh die von ihr konzipierte Hauptausstellung genannt, die nun von ihrem Team realisiert wurde. Es sei "eine Ausstellung, die dazu einlädt, den beharrlichen Signalen der Erde und des Lebens zu lauschen und sich mit den Frequenzen der Seele zu verbinden", hat sie in einem programmatischen Text festgehalten. "Während Moll-Tonarten in der Musik oft mit Fremdartigkeit, Melancholie und Trauer assoziiert werden, manifestieren sich hier auch ihre Freude, ihr Trost, ihre Hoffnung und ihre Transzendenz."

Das von ihr angekündigte "polyphone Kunstensemble", das wie im Free Jazz Dissonanzen in produktive Vielstimmigkeit verwandeln soll, besteht in einem hohen Ausmaß aus Positionen aus Afrika und Asien. Österreicher sind unter den 110 teilnehmenden Einzelkünstlern und Gruppen keine vertreten, Europäer selten. Buntheit und herkömmliche Kunstformen wie Malerei, Zeichnung, Skulptur und Installation dominieren.

Mischwesen aus Mensch, Tier und Pflanze

In den Sälen kann man bemalte Streichholzschachteln ebenso entdecken wie Playmobil-Dioramen und erstaunlich viele Varianten von Mischwesen aus Mensch, Tier und Pflanze. Natur hat weniger in ihrer akuten Gefährdung als in ihrer überwältigenden Schönheit Eingang in viele Kunstwerke gefunden. Koyo Kouoh ist es mehr um Poesie als um Politik gegangen. Dafür erweisen sich die malerischen Hallen des Arsenale deutlich geeigneter als der Hauptpavillon in den Giardini, in dem das dicht gedrängte Angebot mehr an einen Weltkunst-Gemischtwarenladen erinnert.

Auch in den benachbarten Länderpavillons ist Vielfalt angesagt. Direkt neben dem umstrittenen russischen Pavillon, in dem der Aggressor Russland mit Auftritten von Musikgruppen zumindest symbolisch im Konzert der Nationen wieder mitzumischen hofft, haben die Japaner ihren Pavillon in eine Puppenbühne verwandelt. Hier sind 200 Babypuppen als "Symbol der Zukunft" versammelt - diese scheint strahlend zu werden, denn alle tragen Sonnenbrillen. Tragen sollen auch die Besucherinnen und Besucher, nämlich jeweils eine Puppe ihrer Wahl. Vom ersten Stock aus kann man sie dann mit einem Taschenlift wieder nach unten schicken. "Grass Babies Moon Babies" nennt Ei Arakawa-Nash seinen verstörend kindischen Beitrag, der vom Umstand inspiriert wurde, dass er 2024 Vater von Zwillingen wurde.

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DDR und Glückskäfer

Nicht von ihrer eigenen Geschichte, sondern von der ihres Landes hat sich Henrike Naumann inspirieren lassen. Wie die Kuratorin der Hauptschau, erlebt jedoch auch die Vertreterin Deutschlands diese Biennale nicht mehr, ist sie doch im Februar im Alter von 41 Jahren an Krebs gestorben. Wie viele ihrer Vorgängerinnen und Vorgänger arbeitet sie sich unter dem Titel "Ruin" an der Historie ab und erinnert im Hauptraum mit Artefakten, halbierten Sitzgelegenheiten und in der Farbgebung an die untergegangene DDR. Die in Vietnam aufgewachsene und seit 1992 in Deutschland lebende Künstlerin Sung Tieu hat dazu an der Außenfassade ein Plattenbaumosaik angebracht und lässt in einem Innenraum Schokoladenglückskäfer die Wände hochkrabbeln.

Noch lassen sich die Eindrücke dieser Biennale ordnen und auseinanderhalten. Das wird nicht lange so bleiben. Die Zahl der Länderauftritte und Side Events in der Lagunenstadt ist unüberschaubar. Und (hoffentlich) nicht alle in Moll.

(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)

(S E R V I C E - www.labiennale.org )

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