OPEC-Austritt der Emirate verdeutlicht Spannungen im Golf
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von AgenturenDas Haupquartier der OPEC in Wien
Bild: APA/APA/HELMUT FOHRINGER/HELMUT FOHRINGER
Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) haben nach 59 Jahren die Ölallianz OPEC und OPEC+ verlassen. Der Austritt am 1. Mai sei sowohl wirtschaftlich motiviert als auch Ausdruck wachsender geopolitischer Spannungen in der Golfregion, sagte die Golfstaaten-Expertin Dania Thafer im Gespräch mit der APA. Sie ist Direktorin des Gulf International Forum, einer Denkfabrik mit Fokus auf die Golfregion.
Als zentralen Grund für den Austritt der Emirate nannte Thafer "die wirtschaftliche Notwendigkeit, Einnahmen zu steigern". Als Mitglied der OPEC waren die Emirate bei der Ölförderung bisher an Quoten der OPEC gebunden. Die Emirate seien aber willens und imstande, mehr Öl zu fördern, als die OPEC erlaubt, so Thafer. Nun könnte das Land nach Ende des Iran-Konflikts mehr Öl liefern und kriegsbedingte Ausfälle wettmachen. Nach einem Austritt könnte die emiratische Ölproduktion jedes Jahr zusätzliche Einnahmen in Höhe von 50 Milliarden US-Dollar (42,5 Mrd. Euro) einbringen. Das schätzte das Baker Institute der Rice-Universität im texanischen Houston im Jahr 2023.
Kurzfristige Gewinninteressen gehen dabei laut Thafer Hand in Hand mit langfristigen strategischen Überlegungen. Denn die Emirate wollen in Zukunft eine Vorreiterrolle in Sachen Technologie und Künstliche Intelligenz (KI) einnehmen. Auch weil diese Branchen "riesige Mengen an Energieressourcen" benötigen, wollen die Emirate nicht ihre Ölproduktion einschränken, erklärte Thafer. Darüber hinaus bestünde in den Emiraten die Sorge, dass Länder und Firmen sich aufgrund von aktuellen Lieferengpässen nach alternativen Energieressourcen umsehen. "Sie wollen also möglichst schnell möglichst viel Öl verkaufen", so Thafer.
Iran-Krieg löste "Frustration" aus
Neben wirtschaftlichen Motiven befeuerte auch die geopolitische Lage den emiratischen Austritt. Denn der Iran-Krieg hätte die Golfstaaten unterschiedlich hart getroffen, erklärte Thafer. "Das löste bei den Ländern, die am aggressivsten angegriffen wurden, Frustration aus". Für die Emirate habe sich der Iran als "existenzielle" Bedrohung erwiesen, so Thafer. Im Laufe des Iran-Kriegs feuerte der Iran mehr Geschosse auf die Emirate, als auf alle Länder des Golf-Kooperationsrates (GCC) zusammen. Das berichtete die Denkfabrik Internationales Institut für Strategische Studien (IISS). Dadurch hätten die Emirate bei weitem die größten und vielfältigsten Schäden erlitten. Das Ergebnis sei "eine sehr viel aggressivere Haltung" gegenüber dem Iran, als bei anderen Golfstaaten, ergänzte Thafer.
Aus Sicht Saudi-Arabiens hingegen stelle der Iran "keine existenzielle" Bedrohung dar, so Thafer. Saudi-Arabien sei es gelungen, trotz der Blockade der Straße von Hormuz über die Ost-West-Pipeline Öl zu exportieren und teilweise sogar von hohen Preisen zu profitieren. Zudem nutze Saudi-Arabien verstärkt Landkorridore für den Warentransport. Das Land grenzt an alle Golfstaaten und hätte "durch seine geografische Lage beim Verkauf von Waren an alle seine Nachbarn enorm profitiert", sagte Thafer. Der Golfstaat Oman habe sogar seine Ölverkäufe erhöht.
In weiterer Folge hätten sich die Emirate zunehmend von ihren Nachbarn im Stich gelassen gefühlt. "Es war eine große Enttäuschung", sagte Thafer. Das Land warf seinen Nachbarn vor, es während des Krieges nicht ausreichend vor den zahlreichen iranischen Angriffen geschützt zu haben. Anwar Gargash, diplomatischer Berater des Präsidenten der VAE, hatte am Montag das Vorgehen der arabischen Staaten und der Golfregion bemängelt. Die GCC-Länder hätten einander zwar logistisch unterstützt, politisch und militärisch sei ihre Position jedoch "auf einem historischen Tiefpunkt" gewesen, betonte Gargash. Die mangelnde Unterstützung hätte laut Thafer zu einer grundlegenden Frage geführt: Warum sollten die Emirate im Rahmen multilateraler Engagements "zurückstecken", wenn sie nicht von anderen Ländern unterstützt werden?
Teheran agiert nach dem Prinzip "Teile und herrsche"
Die sich vertiefenden Gräben zwischen den Golfstaaten würden dem Iran in die Hände spielen, sagte Thafer. Der Iran versuche nach dem Prinzip "Teile und herrsche", Spaltungen innerhalb der Golfstaaten zum eigenen Vorteil zu nutzen. Der Sprecher des iranischen Außenministeriums, Esmaeil Baghaei, hatte am Montag den Austritt der Emirate als "rachsüchtig" kritisiert und Irans Engagement gegenüber der OPEC bekräftigt. Damit habe Teheran versucht, "bei Saudi-Arabien Pluspunkte zu sammeln", argumentierte Thafer. Langfristig versuche Teheran, "die Golfstaaten in Bezug auf ihre Wahrnehmung der Bedrohung durch den Iran zu spalten, damit sie sich nicht vereinen können".
(Das Interview führte Pia Hecher/APA)
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