Neue Atommächte, alte Angst: Historiker fordert Umdenken

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von Agenturen

Kundgebung zum 80. Jahrestag des ersten Atombombenabwurfs

Bild: APA/APA/AFP/INDRANIL MUKHERJEE


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Der Krieg in der Ukraine, der Iran-Krieg sowie der Zerfall internationaler Abrüstungsabkommen rücken die Gefahr eines Atomkonflikts erneut ins Zentrum der Weltpolitik. Der Historiker Serhij Plochij warnte deshalb im Gespräch mit der APA vor einem gefährlichen neuen "Zeitalter der Atomwaffen". Für einen Vortrag über die Ukraine war er am Montag an der Universität Wien zu Gast.

Präventivschläge statt Diplomatie

Kritisch bewertet Plochij, dass der russische Angriffskrieg auf die Ukraine aus seiner Sicht auch eine Folge der nuklearen Abrüstung des Landes in den 1990er-Jahren sei. Die Weltordnung nach dem Ende des Kalten Kriegs sei schließlich "in den Flammen des russisch-ukrainischen Krieges" untergegangen. Das schreibt der Historiker in seinem Buch "Das Zeitalter der Atomwaffen", das kürzlich auf Deutsch erschienen ist.

Auch die aktuelle Strategie vieler Staaten beurteilt Plochij skeptisch. Zunehmend würden Präventivschläge anstelle diplomatischer Lösungen eingesetzt, um Länder am Erwerb von Atomwaffen zu hindern. Historisch betrachtet sei dieser Ansatz jedoch fragwürdig. "Als Historiker kann ich nach 1945 keinen einzigen Fall nennen, in dem die Tatsache, dass ein weiteres Land Atomwaffen erworben hat, zu einem Krieg geführt hat", sagte Plochij.

Im Gegensatz dazu hätten Bemühungen um "nukleare Nichtverbreitung" bereits mehrere Kriege ausgelöst. Als Beispiele nennt der Historiker den Irakkrieg 2003, der mit angeblichen Massenvernichtungswaffen begründet wurde, sowie den aktuellen Krieg der USA und Israels gegen den Iran. In der Ukraine habe die nukleare Entwaffnung des Landes einen russischen Angriff erst möglich gemacht.

Kein Aufruf zur Aufrüstung

Dabei sei seine Analyse kein Aufruf zur atomaren Aufrüstung, betonte Plochij. Vielmehr müsse die internationale Gemeinschaft die Prinzipien der nuklearen Abrüstung neu denken. "Eine falsch umgesetzte Nichtverbreitungspolitik von Atomwaffen führt zu Kriegen, die im Grunde nichts bewirken - vielmehr verstärken sie den Wunsch dieser Länder, Atomwaffen zu erwerben", sagte der Historiker.

Die Angst vor atomarer Vernichtung halte die Menschheit seit 1945 am Leben. So lautet die zentrale These von Plochijs neuem Buch. "Sie ist der Grund, warum wir an diesem schönen Tag ein Gespräch führen", sagte Plochij. Denn die Sorge vor einem "nuklearen Armageddon" habe die atomaren Supermächte im Kalten Krieg in Schach gehalten. Sein Plädoyer lautet daher: Alles müsse daran gesetzt werden, dass auch künftige Kriege "kalt" bleiben.

Kubanisches Roulette

In seinem Buch blickt Plochij unter anderem auf die Kubakrise im Jahr 1962 zurück - jenen Moment, in dem die Welt so nah an der nuklearen Vernichtung stand wie nie zuvor. Nachdem die USA Atomraketen in der Türkei, Italien und Großbritannien stationiert hatten, reagierte die Sowjetunion mit der Platzierung von Atomraketen auf Kuba.

Doch der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow habe sich "beim kubanischen Raketen-Roulette verzockt", schreibt Plochij. US-Präsident John F. Kennedy habe sich von der Drohung eines Atomkriegs nicht "erpressen" lassen. Schlussendlich ordnete Chruschtschow den Abzug der Raketen an. Laut Plochij führte der Schock der Krise dazu, dass beide Seiten künftig alles daran setzten, einen Atomkrieg zu verhindern.

Diese gegenseitige Angst habe das sogenannte "Gleichgewicht des Schreckens" geschaffen - ein Begriff, der laut dem Buch auf den früheren britischen Premierminister Winston Churchill zurückgeht. Laut Plochij ermöglichte erst dieses Gleichgewicht die späteren Abrüstungs- und Rüstungskontrollabkommen des Kalten Kriegs. Die Angst vor einem nuklearen Krieg sei damit zumindest vorübergehend eingedämmt worden.

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"Es lebe die Rüstungskontrolle!"

Heute sieht der Historiker diese Ordnung jedoch zunehmend zerfallen. Die Angst vor einem Atomkrieg sei erneut entfacht worden. Statt zwei Atommächten gebe es inzwischen neun Staaten mit Nuklearwaffen. Gleichzeitig seien internationale Abkommen zur Rüstungskontrolle schrittweise aufgekündigt oder ausgehöhlt worden. Anlässlich dieses neuen Status quo hieß es in einem Beitrag vom Thinktank Carnegie Moscow Center: "Die Rüstungskontrolle ist tot. Es lebe die Rüstungskontrolle!"

Eng verbunden mit der Angst vor einem Atomkrieg sei letztlich der menschliche Selbsterhaltungstrieb. Genau diesen gelte es laut Plochij heute wieder zu stärken - "bei Freund und Feind gleichermaßen", wenn die Welt erneut vor einer nuklearen Eskalation bewahrt werden solle.

(Das Gespräch führte Pia Hecher/APA)

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