Prozess gegen Ex-Leiterin einer Seniorenresidenz fortgesetzt
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von AgenturenZeugen schilderten am Landesgericht erschreckende Zustände
Bild: APA/APA/HANS PUNZ/HANS PUNZ
Am Mittwoch ist am Landesgericht der Strafprozess gegen eine ehemalige Direktorin einer Wiener Seniorenresidenz fortgesetzt worden, die laut Anklage für das systematische Vernachlässigen pflegebedürftiger Bewohnerinnen und Bewohner verantwortlich war. In der Einrichtung, die es inzwischen nicht mehr gibt, dürfte es über Jahre hinweg zu einem systematischen Organisationsversagen und in Folge dessen zu untragbaren Zuständen gekommen sein.
Zeuginnen und Zeugen schilderten am zweiten Verhandlungstag erschreckende Zustände. Ein diplomierter Krankenpfleger, der Mitte September 2022 für die Qualitätssicherung in die Einrichtung entsandt wurde, gab Folgendes zu Protokoll: "Es war sehr lieblos. Es war heruntergewirtschaftet. Pflegeutensilien waren fast nicht vorhanden. Gerade dass man Handschuhe gehabt hat." Seinem Eindruck nach funktionierte die von einem deutschen Konzern betriebene Einrichtung "nach einem Geschäftsmodell, wo das Geld genommen und auf die Insassen kein Wert gelegt wird." Es habe "dort keinen Bereich gegeben, wo es nicht gehapert hat."
"Die waren in einem furchtbaren Zustand"
Auf die Frage der Richterin, wie es den Bewohnerinnen und Bewohnern konkret ergangen sei, erklärte der Zeuge: "Die waren in einem furchtbaren Zustand. Die erste Bewohnerin, die ich gesehen habe, hat 40 Grad Fieber gehabt und war ganzflächig mit schwarzen Nekrosen (abgestorbenem Gewebe, Anm.) bedeckt." Er habe die Rettung verständigt und die Hospitalisierung der Frau veranlasst: "Drei Stunden später ist sie im Spital verstorben."
Die bettlägerigen Personen seien aufgrund von Personalmangel "alle durchwegs schlecht gepflegt" worden: "Ein Mann ist allein in einem Zimmer gelegen. Der Mann war blind, taub, HIV-positiv und hatte Hepatitis. Jedes Mal, wenn man ihn angegriffen hat, ist er aus der Haut gefahren." Dass es an qualifiziertem Personal fehlte, habe "keinen gekümmert". Die Wochenenddienste seien teilweise zur Gänze mit externem Personal und sogenannten Pool-Lösungen bestritten worden. Als er das bekrittelte, habe man ihm mitgeteilt, das sei "normal. In Deutschland ist es schlimmer", gab der Zeuge an. Wenige Wochen danach habe man ihn "abgezogen".
Ähnliches berichtete eine ehemalige Stationsleiterin. Die Bewohnerinnen und Bewohner seien aufgrund von Personalmangel "nicht ausreichend versorgt" gewesen. Externe Kräfte hätten "keine Empathie" für die Betagten aufgebracht: "Wir haben versucht, auf jeder möglichen Schiene etwas zu machen, um zu verbessern." Man habe ihr Vorbringen aber mit dem Hinweis abgeblockt, "dass es uns besser geht als in Deutschland".
Ex-Direktorin bestreitet Vorwürfe
Der ehemaligen Direktorin wird vorgeworfen, von Jänner 2019 bis August 2022 die für eine fachgerechte Betreuung erforderlichen Mittel nicht bereitgestellt zu haben. Die Anklage lautet auf Quälen und Vernachlässigen wehrloser Personen (§ 92 StGB). Die Beschuldigte hat beim Prozessauftakt am 29. April sämtliche Vorwürfe zurückgewiesen. Sie sei "nur fürs Kaufmännische zuständig gewesen" und habe keine Ausbildung im Pflegebereich, sondern Gesundheitsmanagement studiert. Ihre Aufgaben seien die "Abrechnung, die Verwaltung, die Vertretung nach außen" gewesen: "Es ist mir nicht gesagt worden, dass ich für die Pflege zuständig sein muss."
In der Seniorenresidenz waren zuletzt rund 100 Seniorinnen und Senioren untergebracht. Vermutlich aus Kostengründen wurden kaum diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerinnen und -pfleger beschäftigt. Um den Personalmangel zu kaschieren, soll die Angeklagte bewusste Täuschungshandlungen gesetzt haben, etwa indem sie inoffizielle Dienstpläne führte.
Das Vernachlässigen führte laut Staatsanwältin bei bettlägerigen Seniorinnen und Senioren zu Mangelernährung und Austrocknungen. Wiederholt soll die erforderliche Wundversorgung unterblieben sein. Auch von nicht fachgerecht gesetzten Infusionen und falsch verabreichten Medikamenten ist in der Anklage die Rede.
Schmerzhafte Pflegeschäden bei 17 Personen inkriminiert
Bei 17 vernachlässigten Seniorinnen und Senioren traten laut Anklage schmerzhafte Pflegeschäden auf. Von Aufliegegeschwüren, Gelenkversteifungen bis hin zu Knochenbrüchen ist im Strafantrag die Rede.
Besonders drastisch wurde laut Anklage mit einem Bewohner vorgegangen, der - ohne Meldung an die gesetzliche Bewohnervertretung - am Verlassen seines Betts gehindert wurde, indem man Seitenteile anbrachte. Der Mann versuchte wiederholt, diese zu überklettern, klemmte sich dabei mehrfach ein bzw. verletzte sich durch Stürze. Der auf einen Rollstuhl angewiesene Mann soll außerdem durch Anlegen einer Sitzhose am Verlassen des Rollstuhls gehindert worden sein. Beim Versuch, dennoch aufzustehen, soll er sich aufgrund einer nicht fachgerecht angelegten Sitzhose beinahe selbst stranguliert haben.
Das Heim stellte vor einiger Zeit den Betrieb ein, indem der Pachtvertrag nicht mehr verlängert wurde. Für einen Weiterbetrieb wäre eine Generalsanierung erforderlich gewesen, die bei laufendem Betrieb unmöglich sei, hieß es damals seitens des Betreibers. Dutzende betroffene Seniorinnen und Senioren mit Pflegebedarf kamen auf Vermittlung des Fonds Soziales Wien in anderen Pflegeeinrichtungen unter.
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