Ungarische Kulturszene atmet auf: "Wandel ohne Rachefeldzug"

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von Agenturen

Euphorie und Hoffnung in der ungarischen Kulturszene

Bild: APA/APA/AFP/ATTILA KISBENEDEK


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Seit dem historischen Wahlsieg der TISZA-Partei mit Péter Magyar bei den ungarischen Parlamentswahlen vom 12. April hofft die Kulturszene des Landes auf eine Befreiung von den Fesseln des rechtsnationalen Orbán-Regimes. Denn unter dem scheidenden Premier Viktor Orbán und seiner ideologischen Kontrolle war die Kulturszene 16 Jahre mehr und weniger von Autokratie und illiberaler Demokratie gefangen.

Der Wahlsieg der TISZA-Partei bedeutet zugleich eine Befreiung für die Kultur. Das erklärt Wilhelm Droste im APA-Gespräch. Der deutsche Publizist lebt sei nahezu 40 Jahren in Budapest, lehrte an der Eötvös-Loránd-Universität deutsche Literatur und betreibt das Kaffeehaus "Három Holló" (Drei Raben) in der Nähe der Elisabeth-Brücke mit einem großen Angebot an Kultur und Kunst.

Chancen auf Neuanfang

Laut Droste sei nach dem Kulturkampf die Chance auf einen Neuanfang groß, nachdem Orbán während seiner Amtszeit die Institutionen politisch mit seinen Gefolgsleuten besetzte und unverhohlen autoritäre Angriffe auf Kunst und Kultur führte. "Nach 16 Jahren Orbán bestehen nun endlich Hoffnungen auf mehr Freiheit, weniger politischer Einflussnahme. Damit kann es zu einem Neuanfang für Kunst, Medien und Bildung kommen", so der Literaturwissenschafter.

Orbán habe alle Bereiche mit seinen Leuten besetzt, ihnen freie Hand gewährt bei der Verteilung von staatlichen Geldern für Filmindustrie, Verlage, Theater. "Es blieben nur wenige Budapester Theater, wie das Örkény und das Katona, wo man hingehen konnte. Bei vielen anderen wusste man, sie dürfen sich nichts trauen, da sie an der Kette liegen", betont der Ungarn-Experte.

Abrechnung ohne Rache

Magyar versprach nach seinem Wahlsieg den Abbau der Fidesz-Strukturen. "Ich habe nicht daran geglaubt, dass ich das noch miterlebe. Denn alles hatte unter Orbán so einen Ewigkeitscharakter", konstatiert Droste, der an den Erfolg der neuen Regierung glaubt. Doch um Altlasten zu beseitigen, müsse auch abgerechnet werden. "Die Orbán-Klientel in den Chefsesseln muss entmachtet werden, juristisch und ohne Rache. Dabei darf nichts unter den Teppich gekehrt werden."

Der Literaturwissenschafter erinnert an Orbán-Getreue, die dessen Ära prägten - so an den Direktor des Ungarischen Nationaltheaters, den nationalkonservativen Attila Vidnyánszky, der seinen als liberal geltenden Vorgänger Robert Alföldi ablöste. Vidnyánszky war als Günstling von Orbán auch die treibende Kraft bei der Zerschlagung der angesehenen Budapester Universität für Theater- und Filmkunst, was zu massiven Protesten im In- und Ausland geführt hatte. Die Orbán-Regierung übertrug die Leitung der Universität einer regierungsnahen Stiftung.

Bisher wies Vidnyánszky Rücktrittsforderungen zurück, habe jedoch nicht umsonst einen Tag nach der Wahl seine Leute zusammengerufen. "Er und Seinesgleichen spüren genau, wie ihnen ihre Felle davonschwimmen."

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Weniger Fördermittel und Rückkaufszwang

Hinsichtlich der Benachteiligung der Kunstschaffenden erinnert Droste an die Literaten, denen Übersetzungsförderungen gestrichen wurden. Dabei hätten sie jedoch einen großen Anteil daran, dass die Werke der ungarischen Nobelpreisträger Imre Kertész und László Krasznahorkai im fremdsprachigen Raum Bekanntheit erlangten. Zugleich müsse der Kauf des größten ungarischen Buchverlages Libri durch Orbán-Kreise rückgängig gemacht werden, fordert Droste. So könnten ungarische Autoren ihre Bücher wieder frei und unter vorteilhaften Bedingungen verlegen.

Ausland übte Solidarität

Droste erinnerte auch an ausländische Solidarität mit der ungarischen Kulturszene. So hätten zahlreiche Theater die Internationalen Theatertage in Budapest boykottiert. Weiter fand die Central European University von George Soros (Staatsfeind Nummer Eins von Orbán - Anm.), die aus Budapest vertrieben wurde, ein neues Zuhause in Wien.

Auch Droste selbst hatte als Universitätsdozent Druck erfahren. Vorgeworfen wurde ihm angeblicher Landesverrat und das Verderben der ungarischen Jugend, da er in Zeitungsartikeln Orbán kritisiert hatte. Auch seine Ehefrau, die namhafte ungarische Regisseurin und Autorin Ildiko Enyedi, die einen "Goldenen Bären" für ihren Film "Körper und Seele" gewann, war betroffen. "Meine Frau hat ihren Arbeitsplatz verloren. Sie hatte eine Professur an der Universität für Theater- und Filmkunst", erinnert Droste.

Wandel braucht Zeit

Droste verspricht sich viel von der neuen Regierung. Magyar hatte im Wahlkampf angekündigt, unabhängige Berichterstattung und Wiederherstellung der Pressefreiheit zu gewähren. Damit sollen die staatlichen Institutionen, die auf Fidesz-Linie getrimmt waren, wieder unabhängig arbeiten können. "Nationaltheater, Fernsehen, Radio, Buchverlage müssen von den Orbán-Getreuen befreit werden", fordert der Literaturwissenschafter. Das Regime Orbán, das bis in die Kindergärten hineinregierte, müsse in seinen Grundfesten beseitigt werden. "Es wird eine schwere Aufgabe, den Wandel zu vollziehen, ohne Rachefeldzug, doch unbedingt mit Konsequenz und viel Geduld." Das ginge nicht in drei Wochen, drei Monaten, sondern nur in vielen Jahren.

Staatsmedien und "Wendehälse"

Erste Anzeichen für einen Wandel im kulturellen Leben wurden noch in der Nacht der Parlamentswahlen deutlich. "In den sogenannten öffentlich-rechtlichen Medien, die weder öffentlich noch rechtlich waren, gab es plötzlich eine nahezu sachliche Berichterstattung, ohne den hetzerischen Ton. Doch auch hier muss schonungslos mit vielen Leuten abgerechnet werden, da sie keine journalistische Verantwortung mehr gespürt haben und täglich diesen ganzen Propagandabrei lieferten." Auch sei die Zeit der "Wendehälse" angebrochen, die versuchten, sich unter der neuen Führung zu positionieren. Anerkennung zollt Droste der "Meuterei" von Mitarbeitern der Ungarischen Nachrichtenagentur MTI. Sie hatten die Rückkehr zum unabhängigen Journalismus und die Aufhebung der Aufsichtskompetenz der Chefetage gefordert.

Laut Droste habe Orbán den Kulturkampf nicht gewonnen, sondern viel Resignation generiert. Jetzt gebe es unter Magyar ein neues Startzeichen für alle Bereiche, ganz besonders auch für die Kultur. "Ich denke, in jedem Theater, in der Oper, der Operette, überall fühlen die Menschen, es fängt etwas Neues an. Und hier öffnet sich eine Tür, von der keiner geglaubt hätte, dass sie sich jemals öffnen lässt", betont Droste.

(Das Gespräch führte Harriett Ferenczi/APA)

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