Ungarn-Wahl: Doku "Frühlingswind" zeigt Magyars Aufstieg

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von Agenturen

Demonstration von Magyars TISZA-Partei in Budapest (Archivbild)

Bild: APA/APA/AFP/ATTILA KISBENEDEK


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Budapest im Februar 2024: Während Ungarns Staatspräsidentin Katalin Novák mit bewegter Stimme ihren Rücktritt bekannt gibt, weil sie den Helfer eines Missbrauchstäters begnadigt hatte, rollt ein dunkles Auto durch die abendliche Großstadt. Ein schlanker Mann mit weißem Hemd steigt aus und geht die Stufen zum Studio des Online-Mediums "Partizán" hinauf. Ein Moment, der im Land alles verändern wird, wie die ominöse Musik nahelegt.

Mit diesem spielfilmreifen Einstieg beginnt der Dokumentarfilm "Tavaszi szél - Az ébredés" (Frühlingswind - Das Erwachen), der in Ungarn bereits nach wenigen Wochen zu den erfolgreichsten Filmen an der Kinokassa zählt. Er handelt vom politischen Aufstieg von Péter Magyar, der nun bei den Parlamentswahlen am kommenden Sonntag womöglich Regierungschef Viktor Orbán und dessen Fidesz-Partei nach 16 Jahren die Macht entreißen könnte. Der Titel bezieht sich auf ein bekanntes ungarisches Volkslied, das häufig auf Kundgebungen der führenden Oppositionspartei TISZA gespielt wird.

Die Szene, mit der der Film beginnt, hat es freilich in dieser Form nicht gegeben. Magyar, Ex-Mann der früheren Justizministerin Judit Varga und langjähriger Fidesz-Insider, trat erst am Tag nach dem Rücktritt der Präsidentin an das Licht der Öffentlichkeit. Das Filmmaterial von der Fahrt zum "Partizán"-Interview stammt von einem späteren Besuch im gleichen Studio. Der Einstieg verdeutlicht aber schon die Erzählperspektive der Dokumentation: Hier hat einer den besonderen historischen Augenblick erkannt, um die Sehnsucht in der Bevölkerung nach einem Ende von Orbáns Herrschaft zu bündeln. Und er opfert sein Leben dafür, um diesen Wunsch wahr werden zu lassen.

"Kein Wahlkampffilm"

"Das ist kein Wahlkampffilm", bemühen sich dennoch die Macher, Claudia Sümeghy und Tamás Yvan Topolánszky, bei einem Podiumsgespräch des Veranstalters "KultPult" in Wien wenige Tage vor der Wahl zu betonen. Das Filmemacher-Ehepaar hatte sich Anfang 2025 an Magyars Team gewandt mit dem Angebot, dessen politische Karriere hautnah zu dokumentieren. Ein Jahr lang begleiteten sie den aufstrebenden Politiker in fast allen politisch relevanten Situationen. "Unsere Voraussetzung war: Lasst uns überall hin", berichtet Sümeghy vor einem Publikum von rund 100 Auslandsungarn, die sich an diesem Abend in einem Veranstaltungsraum in Wien-Neubau zusammengefunden haben, um den Film gemeinsam anzuschauen.

Die Aufnahmen aus der Insiderperspektive machen dann auch den größten Reiz des Films aus. "Unsere Aufgabe war nicht, ihn auf der Leiste sympathisch-unsympathisch zu verorten, sondern auf der Leiste authentisch-unauthentisch", betont Topolánszky. So erlebt man Magyar im Film ebenso als gereizt, ungeduldig oder kontrollierend, wie müde, traurig oder erschüttert. Das mit seiner Persönlichkeit am häufigsten verbundene Adjektiv lautet im Film wie im Podiumsgespräch: "schwierig".

Gleichzeitig gibt es aber auch viele positiv wirkende Momente, etwa Magyars strahlende Augen, wenn er vor der Kamera von seinen drei Söhnen oder seiner Ex-Frau spricht. Die ehemalige Fidesz-Politikerin Varga bezeichnet ihren Ex-Mann im Gegenzug auf einer Archivaufnahme allerdings auch schon mal als "dieses Gebilde namens Péter Magyar".

Große Erzählung

Ansonsten sieht man viele Bilder von jubelnden, hoffnungsfrohen Gesichtern und ungarischen Fahnen, unterlegt mit bombastischer Musik. Dazwischengeschnitten sind Interviews mit Wegbegleitern und Politik-Experten. Letztere bleiben jedoch bloße Stichwortgeber für die große Erzählung, die der Film vermitteln will. Der Mix scheint indes nicht nur an der Kinokassa zu funktionieren: Als der Streifen über das Osterwochenende kurzzeitig gratis im Internet zur Verfügung gestellt wurde, wurde er mehr als drei Millionen Mal angeklickt.

Ein Publizist der Wochenzeitung "hvg" hatte seine Kritik über den Film (in ironischer Anspielung auf die verblichene Partei LMP - Politik kann anders sein) "Propaganda kann anders sein" betitelt. Sümeghy und Topolánszky hatten sich wiederholt verbeten, ihr Werk als Propaganda verstanden zu wissen. In Wien räumte die Filmemacherin indes ein: "Wenn es Propaganda ist, dann ist es eine Propaganda der Hoffnung." Auf jeden Fall ist "Tavaszi szél" für Magyar und seine Partei TISZA eine willkommene Wahlkampfhilfe.

(von Petra Edlbacher/APA)

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