Volkstheater verhandelt Obdachlosigkeit in "Stadt ohne Dach"
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von AgenturenPublikum auf den Spuren der Obdachlosigkeit
Bild: APA/APA/Volkstheater/Marcelle Ruiz Cruz
In Wien leben zwischen 11.000 und 13.000 obdachlose Menschen. Das entspricht der Bevölkerungszahl so mancher österreichischen Bezirkshauptstadt. Und doch bleiben sie meist in der Unsichtbarkeit. Das Außenprojekt "Stadt ohne Dach" des Volkstheaters beleuchtet Obdachlosigkeit nun mit einem Audio-Walk von Greta Călinescu durch Wien-Mariahilf, der am Freitagabend Premiere feierte.
Der Rundgang beginnt vor der Kirche Mariahilf, die Besucherinnen und Besucher setzen ihre Kopfhörer auf. Die Geschäfte haben gerade geschlossen, mit Einkaufstaschen bepackte Menschen strömen zur U-Bahn, die Schanigärten begrüßen die Erwerbstätigen zum After-Work-Aperol, in den Nischen daneben werden von Obdachlosen erste Schlafsäcke ausgebreitet. Die Theaterbesucher stehen immer noch vor dem Gotteshaus und warten, bis es losgeht. "Ironisch", sagt plötzlich die Stimme im Ohr, war die Kirche für sie doch jenes "System, das Kindern beibringt, den Mund zu halten" und dass "Körper verhandelbar" ist.
Die Wahl zwischen "Gewalt und anderer Gewalt"
Und der Körper, vor allem der weibliche, bleibt in den folgenden 40 Minuten im Fokus der Erzählung. Während die eine Gruppe zur Performance ins "Forum Obdach" entschwindet, dreht die ehemalige Obdachlose Hedy Spanner mit den anderen Theaterbesuchern eine Runde um den Block. Vorbei an der "Gruft", wobei sie vom Mangel an Notunterkünften nur für Frauen spricht, von Übergriffen berichtet und erschreckend plausibel macht, warum es für manche Frauen immer noch "sicherer" ist, beim gewalttätigen Partner zu bleiben. So heißt es lapidar: "Gewalt oder andere Gewalt." Der Unterschied: einmal mit, einmal ohne Dach über dem Kopf.
Apropos Dach: Auf dem Weg durch den Eszterházypark erfährt man, dass er einer jener wenigen Parks ist, die über Nacht nicht abgesperrt werden. Andererseits: Auch hier finden sich jene Sitzbänke, auf denen das Liegen dank Barrieren wie Armlehnen unterbunden wird - "entwickelt, um bestimmte Körper fernzuhalten". Weiter geht es in die Gumpendorfer Straße, wo die Gruppe vor der Hausnummer 63 zum Stehen kommt. Ein leer stehendes, kurzzeitig von Aktivisten besetztes Zinshaus, dessen Zukunft offen ist. Für Hedy Spanner ein klarer Fall: "Das ist kein Versehen, das ist eine Entscheidung." Ihr Appell: Die Stadt Wien solle Leerstände nach einer gewissen Zeit sozialen Projekten zuführen. Eine logische Forderung, bei nicht im Eigentum der Stadt befindlichen Häusern, aber wohl eine Utopie.
Gemeindebau trifft auf Immobilien-Investition
Und so geht es weiter, vorbei an der ehemaligen Drogenberatungsstelle "Ganslwirt", durch die Damböckgasse, wo der Gemeindebau Johanna-Prangl-Hof wie zum Hohn vis-a-vis der IFA AG - dem Institut für Anlageberatung - steht. "Zwei Häuser, unterschiedliche Logiken. Wohnraum als Produkt versus Wohnraum als Versprechen", so Hedy Spanner. Man merkt, dass man diese Widersprüche im Alltag kaum wahrnimmt. Vorbei an der Hundezone beim Haus des Meeres geht es schließlich in das Souterrain-Lokal des "Obdach Forum", einer sozialen Einrichtung des Fonds Soziales Wien (FSW) für ehemalige Kundinnen und Kunden der Obdach- und Wohnungslosenhilfe. Der zweite Teil des Abends, der ebenfalls 40 Minuten dauert, steht im Zeichen von institutioneller Überforderung und konkreten Schicksalen.
Während Volkstheater-Schauspieler Maximilian Pulst zwischen mobilen Wohnbaumodellen die personifizierte Behörde gibt, treten ehemalige Obdachlose wie Sonia Bhagtana, Christian Germin, Herwig Nachtschatt und Andrei Potapov als ewige Bittsteller zwischen Paragrafen und überfüllten Notunterkünften in Erscheinung. Als Running Gag kommt immer wieder der "Paragraf 0" ins Spiel, um spontanen Spielraum zu schaffen. Doch die zentrale Frage bleibt: Wie könnte ein soziales System aussehen, das möglichst vielen Menschen hilft, aber den Einzelnen mit seinen Bedürfnissen wahrnimmt? Eine Antwort bleibt - erwartungsgemäß - aus. Was bleibt, ist trotz aller Tragik ein Funken Humor. Und das Wissen, dass es die Menschen auf der Bühne zurück ins Leben geschafft haben.
(Von Sonja Harter/APA)
(S E R V I C E - "Stadt ohne Dach", Live-Audio-Walk des Volkstheaters im öffentlichen Raum von Greta Călinescu, in Zusammenarbeit mit Fonds Soziales Wien Obdach. Weitere Termine: 22., 27., 28., 29. und 30. April sowie am 4., 5. und 7. Mai. www.volkstheater.at )
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