Dr. Lisa-Maria Kellermayr: Eine Würdigung
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von Magdalena Punz, Corinna MilbornBild: APA/Hermann Wakolbinger
Der Tod der Ärztin Lisa-Maria Kellermayr sorgt für Bestürzung. Wir möchten an sie erinnern. Denn die Würdigung von Kellermayrs Leben und Wirken droht zwischen der unfassbaren Häme auf Telegram und der billigen Instrumentalisierung auf Twitter und Facebook unterzugehen.
Das Wichtigste in Kürze
Der Tod der Ärztin Lisa-Maria Kellermayr sorgt für Bestürzung.
Wir möchten an sie erinnern.
Denn die Würdigung von Kellermayrs Leben und Wirken droht zwischen der unfassbaren Häme auf Telegram und der billigen Instrumentalisierung auf Twitter und Facebook unterzugehen.
Wir sind tief erschüttert vom Tod der Ärztin Lisa-Maria Kellermayr. Es steht uns nicht zu, über die Umstände ihres Todes zu spekulieren, aber wir dürfen uns davon nicht abhalten lassen, über ihr Leben zu sprechen: wie viel sie im Kampf gegen Covid leistete, wie sie zum Ziel rechtsextremen Terrors wurde - und wie Behörden und Politik sie in einem beispiellosen Versagen alleine ließen.
Lisa-Maria Kellermayr drängte nicht an die Öffentlichkeit
Entgegen der öffentlichen Kommentare von Polizei bis Ärztekammer suchte Lisa-Maria Kellermayr die Öffentlichkeit nicht, wenn es nicht notwendig war. Bis zur Pandemie trat sie öffentlich nie auf. Ihr Twitter-Konto, das sie seit 2011 betrieb, hatte ausschließlich ein privates Vergnügen zum Thema: die Sendungen von Joko und Klaas. Sie kommentierte in der Fan-Bubble und fuhr mit Leidenschaft zu den Shows. Für März 2020 hatte sie sich Urlaub genommen, um in München bei fünf Aufzeichnungen von "Joko&Klaas vs. ProSieben" dabei zu sein. Das Virus machte einen Strich durch die Rechnung - und änderte den Kurs ihres Lebens.
Eine herausragende Heldin der Pandemiebekämpfung
Lisa-Maria Kellermayr, damals in einer Reha-Klinik tätig, stieg im März 2020 mit voller Kraft in die Pandemiebekämpfung ein. Sie fühlte sich als junge Ärztin ohne Betreuungspflichten dazu berufen und verpflichtet. Sie übernahm Dienste des "Hausärztlichen Notdienstes": Mit einem Rettungswagen und wechselnden Sanitätern an ihrer Seite fuhr sie oft zwei bis drei Stunden in eine Richtung quer durch das Bundesland zu Patienten, maß Sauerstoffsättigung und half mit Medikamenten und Rat. Sie informierte Kolleg:innen über ihre Erfahrungen und gab Tipps für den Krankheitsfall. Zu oft arbeitete sie weit über 12 Stunden am Tag und Wochenenden durch. Die meiste Zeit war sie die einzige Hausärztin in ganz Oberösterreich, die Hausbesuche durchführte.
In der Herbstwelle 2020 kämpfte sie um Krankenhausplätze für die schweren Fälle und fand immer öfter keinen mehr. Sie rettete viele Leben, und sie sah Patient:innen sterben, darunter junge, bis dahin gesunde Menschen. Zu dieser Zeit begannen wir, stundenlange Telefonate zu führen. Sie durfte zwar - wie die meisten im Gesundheitswesen - nicht offiziell Stellung beziehen, aber sie war eine unschätzbare Quelle zur Behandlung von Covid und den fatalen Fehlern in der Pandemiebekämpfung.
Oktober, November, Dezember 2020 arbeitet sie durch. Die Weihnachtsferien 2020 arbeitet sie durch. "Nach 92 Stunden Arbeit in den letzten 9 Tagen kann ich heute mal mein Schlafdefizit aufholen vor den nächsten 5 Tagen mit 60 Stunden im Covid-Dienst. Da blieb keine Zeit, Weihnachten zu feiern. Da bleibt keine Zeit zum Schifahren. Und Silvester? Keine Zeit", twittert sie am 28. Dezember.
Als sie im März im Hausärztlichen Notdienst aufhört, hat sie in 91 Diensten 1.370 Patienten behandelt, über 600 davon in den sechs Wochen der Herbstwelle. "Maximale Visiten in einem Dienst: 17", schreibt sie damals. Kaum hatte sie aufgehört, macht sie weiter: diesmal als Impfärztin.
Aufklärung als Teil ihrer Aufgabe
Im Frühling 2021 verwirklichte sie sich einen langjährigen Traum und bereitet die Eröffnung einer eigenen Praxis am Attersee vor. "Jetzt werde ich also Landärztin. Quasi Bergdoktor bei Wish bestellt", scherzt sie auf Twitter. Befreit von den Richtlinien im öffentlichen Dienst, spricht sie auch öffentlich über ihre Erfahrungen mit über 1.000 Covid-Patienten, rät zur Impfung - und hält sich auch mit Kritik am Pandemie-Management nicht mehr zurück.
Wie viele andere macht sie die Erfahrung, dass sie als junge Frau wenig ernst genommen wird, doch sie lässt sich davon nicht bremsen. Und sie hat Kraft: im öffentlichen Auftritt (oft bei uns auf PULS 24 und Puls 4), beim Aufbau ihrer Praxis und privat. Im Sommer 2021 läuft sie in Berlin einen Halbmarathon.
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