Anne Applebaum in Wien: "Die Stunde Europas" schlägt jetzt

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Anne Applebaum für mehr Selbstbewusstsein

Bild: APA/APA/ROLAND SCHLAGER/ROLAND SCHLAGER


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Ein eindringliches Plädoyer für mehr europäisches Selbstbewusstsein hat die polnisch-amerikanische Historikerin und Publizistin Anne Applebaum am Mittwoch vor dem Holocaust-Mahnmal auf dem Wiener Judenplatz gehalten. Man solle alles unternehmen, "um unsere Souveränität zu wahren, sodass Entscheidungen, die Europa betreffen, auch in Europa gefällt werden", sagte sie in ihrer "Rede an Europa", einer 2019 von der Erste Stiftung als Festwochen-Auftakt initiierten Reihe.

Bisher kamen Timothy Snyder (2019), Oleksandra Matwijtschuk (2023), Omri Boehm (2024) und Lea Ypi (2025) der Einladung zu einer grundsätzlichen Reflexion über Gegenwart und Zukunft des Kontinents nach. Applebaum, 1964 in Washington D.C. als Kind jüdischer Eltern geboren und nach Studien der russischen Geschichte und Literatur in Yale sowie der Internationalen Beziehungen an der London School of Economics als Auslandskorrespondentin in Osteuropa tätig, gilt als harte Kritikerin autoritärer Herrschaftssysteme. 2024 entschlüsselte die Gattin des polnischen Außenministers Radoslaw Sikorski in ihrem Buch "Die Achse der Autokraten" die Wirkmechanismen autoritärer Allianzen, die die demokratischen Kräfte untergraben, 2025 attestierte sie als Eröffnungsrednerin der Salzburger Festspiele dem Kulturfestival das Potenzial, nicht nur Schönheit zu vermitteln, sondern als gelebter Gegenentwurf zu Isolation, Zynismus und nationalistischem Rückzug zu wirken.

"Die Stunde Europas" schlägt jetzt

Ihrer Wiener Rede gab die Trägerin des Pulitzerpreises (2004) sowie des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels (2024) den Titel "Die Stunde Europas". Sie hob die EU und die europäische Nachkriegsgesellschaft als einzigartiges Friedensprojekt hervor. "Weil wir über 80 Jahre lang in Frieden lebten, begannen Menschen, Friedenszeiten für selbstverständlich zu erachten. Falls ihr heute Abend gekommen seid, weil ihr euch fürchtet, dass diese Institutionen erneut infrage gestellt werden könnten, dann liegt ihr richtig", so Applebaum vor mehreren hundert Zuhörerinnen und Zuhörern. Thesen, die bereits überwunden schienen wie das Recht des Stärkeren oder ethnischer Nationalismus lebten wieder auf und würden von außen geschürt, um Europa zu destabilisieren. "Aus diesem Grund verunglimpfen russische Propagandisten die Union seit nunmehr zwei Jahrzehnten, verspotten ihre Institutionen und stellen sie - in Anlehnung an die Sichtweise einiger Europäer - als dekadent, gespalten, überreguliert oder als dem Untergang geweiht dar."

Ebenso hätten die USA unter Präsident Donald Trump kein Interesse an einem geeinten Europa. In einer frühen Fassung der neuen Nationalen Sicherheitsstrategie der USA sei konkret davon die Rede gewesen, dass man illiberale Kräfte in Ungarn, Polen, Italien und Österreich in ihrem Bestreben, aus der Union auszutreten, unterstützen möge. "Für alle vier Länder wäre dies wirtschaftlich eine Katastrophe, vergleichbar mit dem Brexit für Großbritannien. Für den Rest Europas wären die Aussichten nicht viel besser. Eine geschwächte EU hätte zweifellos Schwierigkeiten, sich der hybriden Kriegsführung Russlands zu widersetzen, geschweige denn einem russischen Militärangriff."

Russland und die USA wollen "ein Europa, das unfähig ist, global unabhängig zu handeln"

Russland und die USA wollten beide "ein Europa, das unfähig ist, global unabhängig zu handeln. Die Russen wollen ein Europa, das sich militärisch nicht verteidigen kann. Die Amerikaner wollen ein Europa, das durch und durch von amerikanischen Technologien abhängig ist und daher anfällig für politische Kontrolle durch Amerika", sagte Applebaum und rief dazu auf, sich "zur Wehr zu setzen, nicht mit Worten, sondern durch Taten". Man könne beginnen, an der Entwicklung alternativer Technologien und Plattformen zu arbeiten, die statt auf Ausbeutung und Spaltung auf Gemeinsamkeiten und Transparenz setzen. "Wir können die Spielregeln ändern." Europa brauche eine Kapitalmarktunion, aber auch Investitionen in europäische Rüstungstechnologie. "Wir müssen so denken wie die mächtigste Wirtschaftszone der Welt – die wir sind – und dementsprechend agieren."

Zu dem, auf das Europa stolz sein könne, zähle nicht nur Literatur, Kultur und Architektur, sondern auch eine lange Tradition von "Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, richterliche Unabhängigkeit, Meinungsfreiheit, Gleichheit vor dem Gesetz und den Gedanken, dass Regierungen gegenüber ihren Bürgern rechenschaftspflichtig sind". Dies gelte es, sich immer wieder bewusst zu machen: "Jeden Tag vergrault Amerika potenzielle Besucher, Investoren und Forscher. Jeden Tag ermordet Russland unschuldige Menschen in einem blutigen und sinnlosen Kolonialkrieg. Und jeden Tag liefert Europa den Beweis dafür, dass alte Rivalen friedlich nebeneinander leben können, während sie nach Wohlstand streben." Daran, so die Rednerin abschließend, müsse man sich orientieren: "Wir sind nicht dazu verdammt, in der brutalen Welt von Carl Schmitt oder Lenin zu leben, in der das Recht des Stärkeren herrscht. Wir können uns für etwas anderes entscheiden, und ich bin überzeugt, dass wir das auch tun werden", endete Applebaum und erntete kräftigen Applaus.

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