"Climate Fiction" nicht als Weltretter, aber fürs Umdenken
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von AgenturenAnglistin Maria Löschnigg setzt sich mit Climate Fiction auseinander
Bild: APA/APA/Uni Graz/Gudrun Pichler
"Der Begriff Climate Fiction kommt von Science Fiction, aber ich würde das nicht als Genre, sondern als thematische Gattung sehen - als erzählende Literatur, die sich mit der Klimakrise und Umweltthemen generell befasst. Das kann satirisch sein, elegisch, realistisch, dystopisch oder utopisch. Damit es eine starke Gattung bleibt, ist es wichtig, dass es eine Vielfalt der Formen gibt - ganz ähnlich wie in der Natur selbst", sagt die Anglistin Maria Löschnigg.
Die an der Karl-Franzens-Universität Graz forschende Literaturwissenschafterin setzt sich seit langem mit Climate Fiction (Cli-Fi) auseinander. "Seit Anfang des neuen Millenniums spricht man von Climate Fiction. Dieser Begriff hat sich mittlerweile auch hierzulande etabliert. Der Klimawandelroman tritt als Gattung in Amerika ab den 1990ern auf, aber schon Margaret Atwoods 1972 erschienenes Buch 'Surfacing' kann man wohl als Öko-Roman bezeichnen." In dem auf Deutsch unter dem Titel "Der lange Traum" erschienenen Roman begibt sich eine Frau in der Wildnis von Quebec auf die Suche nach ihrem vermissten Vater.
Vier Regeln für gute Climate Fiction
Der in Bath lehrende irische Germanist Axel Goodbody habe sehr gut beschrieben, was gute Climate Fiction leisten muss, sagt Löschnigg und zählt auf: "Communicating the Science: Die wissenschaftliche Komponente muss stimmen. Making the Spatial and Temporal Scale meaningful: Die immense Ausdehnung der Themen- und Zeitskala muss spürbar gemacht werden. Doing Justice to the Interaction of Human and Natural Agency: Man soll dem gerecht werden, wie das Menschliche und das Nicht-Menschliche zusammenhängt. Avoiding Distortion through Narrative Closure: Man sollte das Ganze nicht verharmlosen, indem man mit einem positiven Schluss endet - wenn etwa ein Held am Ende kommt und alles wieder ins Lot bringt."
"Natürlich ist es naiv zu denken, Literatur könne die Welt retten - aber sie kann zu einem Umdenken beitragen", ist sich die Literaturwissenschafterin sicher und hat auch bei den Autorinnen und Autoren eine Wende festgestellt: "Es wird immer akzeptierter, dass Literatur sowohl kognitiv als auch affektiv etwas bewirken kann. Sie kann Wissen vermitteln und vor allem emotional berühren. Aber man hat begriffen, dass das alleine noch nicht zum Handeln bewegt. Diese Kluft zwischen Wissen und Handeln bezeichnet man als 'Knowledge-Action Gap'. Daher geht jetzt der Trend stark zu einer 'Climate Change Literacy', also quasi einer Klimawandelkompetenz, die den Fokus stärker auf das Pädagogische richtet."
"Dinge, die ein wissenschaftlicher oder journalistischer Text nicht leisten kann"
"Durch die Auseinandersetzung mit diesen Texten soll zu einer nachhaltigen Wirkung beigetragen werden - was natürlich heißt, dass Literatur in den Klassenräumen, an den Unis, in Diskussionsforen eigentlich viel stärker vertreten sein sollte." Löschnigg selbst forscht nicht nur über Umwelt- und Klimawandelliteratur, sondern hält auch viele Lehrveranstaltungen darüber. "Ich hatte vergangenes Semester ein Seminar darüber, wie Öl in der Literatur reflektiert wird. Da sprechen Studierende ganz stark darauf an. Ich habe das Gefühl, dass davon wirklich etwas bleibt - bis hin zu konkreten Aktionen."
Es sei ein großer Fehler, dass etwa immer weniger in den Schulen gelesen werde. "Was Literatur mit einem Menschen macht, ist nicht klar messbar. Deswegen tut man das oft leichtfertig ab. Tatsächlich kann aber Literatur immens den Horizont erweitern. Man trainiert die Imagination und kann Resilienz erzeugen - all' diese Dinge, die wir jetzt immer mehr brauchen. Literatur kann auch neue und ungewöhnliche Perspektiven bieten - das ist generell eine Richtung, die jetzt in Cli-Fi immer stärker wird. Da kann Literatur viele Dinge bewirken, die ein wissenschaftlicher oder journalistischer Text nicht leisten kann."
"Nature Writing" lässt Mensch und Natur näher zusammenrücken
Maria Löschnigg schwärmt von dem aktuellen kanadischen Kurzgeschichtenband "Tales from a hopeful dystopia": "Hoffnung ist wichtig! Die apokalyptische Schiene führt zu nichts. Es muss warnend sein, aber auch zeigen, was man Positives tun kann." Die Wissenschafterin hält auch "Nature Writing", also den Versuch, der Natur in der Literatur nicht nur mehr Raum, sondern auch eine konkretere Stimme zu geben, für wichtig, "obwohl Kritiker auch einwenden, dass es sich dabei um Aneignung handeln würde. Aber ich finde diese Experimente sehr gut. Ich glaube, es ist wichtig, dass Menschen und Natur näher zusammenrücken, dass wir die Gemeinsamkeiten und nicht die Unterschiede betonen. Das wäre für die ganze Gesellschaft wichtig."
Löschnigg verweist in diesem Zusammenhang auf den inzwischen emeritierten Harvard-Professor Lawrence Buell, der von einer Crisis of Imagination gesprochen habe: "Zur Überwindung der Umwelt- und Klimakrise muss auch die imaginative Krise überwunden werden. Dabei kann die Literatur helfen. Die Menschen haben verlernt, anders zu denken! Das müsste man attraktiver machen. Man müsste die ganze Climate Action sexier machen!"
(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)
ZUR PERSON: Maria Löschnigg ist Literaturwissenschafterin und Professorin am Institut für Anglistik der Universität Graz. Einer der zentralen Schwerpunkte ihrer Forschung und Lehre ist seit über zehn Jahren die ökokulturelle Funktion von Literatur. Die Frage, ob und wie Literatur zur Bewältigung der Klimakrise beitragen kann, schlägt sich in zahlreichen wissenschaftlichen Aufsätzen nieder (siehe z.B.: "'Nifty shades of green': The Merits and Limits of Ecopoetry", 2016), in Buchkapiteln (siehe z.B. "In the Fissures between Two Epochs: Doomsday Paralysis and/or Joining the Trilobites", 2023) sowie in zwei von Löschnigg mitherausgegebenen Sammelbänden ("Green Matters: Ecocultural Functions of Literature", 2020; "Nature as Resource, Aesthetic Experience, and Ecological Challenge", 2026).
(S E R V I C E - Ein Themenschwerpunkt zu "Alle reden übers Klima, aber keiner hört mehr zu" inklusive Podcast ist auf APA-Science abrufbar unter https://go.apa.at/Edx6n11p )
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