Experte wünscht sich mehr Autisten in Führungspositionen

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von Agenturen

Ex-US-Vizepräsident Gore scheiterte knapp bei Präsidentenwahl

Bild: APA/APA/AFP/FABRICE COFFRINI


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Für Autisten gibt es wohl nichts Schlimmeres als sich irgendwo "durchwurschteln" zu müssen. Doch genau dieses Wort verwendet Ulrich Merkl, um sein Leben auf unserem Planeten zu beschreiben, "der von Nicht-Autisten bewohnt und gestaltet wird". Auch wenn autistische Persönlichkeiten wie Elon Musk oder Greta Thunberg oft negative Schlagzeilen machen, ist der deutsche Autor überzeugt davon, dass unsere Welt eine bessere sein könnte, wenn Autisten politisch mehr zu sagen hätten.

Autisten wären "perfekte Politiker", weil sie sich auf Fakten und Logik konzentrieren können und oft auch sehr kreative Lösungen finden, argumentiert Merkl. Als Beispiel nennt er den dritten Präsidenten der USA, Thomas Jefferson, der "eindeutig Autist" gewesen sei. Tatsächlich gilt der Autor der Unabhängigkeitserklärung unter Historikern als einer der besten Präsidenten der US-Geschichte. Weiters nennt Merkl den Demokraten Al Gore, der bei der Präsidentenwahl 2000 knapp dem Republikaner George W. Bush unterlag. Gore habe sein roboterhaftes Auftreten viele Stimmen gekostet. "Theoretisch, von der Intelligenz her, wäre das der beste Präsident aller Zeit gewesen."

"Mit Haut und Haaren" einem Thema verschrieben

Das Um und Auf der Politik ist freilich der Umgang mit anderen Menschen, und damit tun sich viele Autisten sehr schwer. Jefferson habe es im 18. Jahrhundert noch an die politische Spitze geschafft, weil es keine Massenmedien gab. Heute komme man als Autist aber "nicht mehr so weit in unserer Gesellschaft, die nur auf laute Selbstdarsteller hört", so Merkl. Neben Gore einer politischen Führungsposition am nächsten kam in der jüngeren Geschichte der Physiker Albert Einstein, dem im Jahr 1952 das Präsidentenamt des neu gegründeten Staates Israel angeboten wurde. Einstein habe aber abgelehnt, auch im Bewusstsein seiner sozialen Defizite.

Merkl sieht Thunberg als Beispiel für die Leistungsfähigkeit von Autisten im gesellschaftlichen Bereich. Sie habe auf dem Gebiet des Klimaschutzes unglaublich viel geleistet, weil sie sich dem Thema "mit Haut und Haaren" verschrieben habe. Autisten könnten sich auf etwas fokussieren "und sich da reinbeißen wie ein Bluthund". Die Schattenseite sei, dass sie andere Meinungen schwer zulassen können. Autisten würden ihre Meinungen als objektive Wahrheit ansehen und andere Sichtweisen schwer verstehen. "Das ist das Schlimme am Autismus."

Eigene Diagnose mit 57 Jahren erhalten

Seine eigene Autismus-Diagnose hat Merkl erst mit 57 Jahren bekommen. Auslöser war die US-Fernsehserie Monk rund um einen Polizeiermittler mit autistischen Zügen. "Du, der erinnert mich so an dich", habe seine Frau damals zu ihm gesagt. Dies habe er zum Anlass genommen, sich Bücher über Autismus zu kaufen und schließlich bei einer spezialisierten Psychotherapeutin einen aufwändigen Test zu machen, der ihm hochfunktionalen Autismus bescheinigte.

Nachdem er selbst aus dem Schatten getreten ist, will Merkl nun auch andere Autisten vor den Vorhang holen. In seinem Buch "Total Strangers" stellt er hunderte autistische Figuren der Populärkultur - von Amélie Poulain ("Die fabelhafte Welt der Amélie") bis Sheldon Cooper ("The Big Bang Theory") - vor.

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"Überhaupt nicht wiedererkannt" in "Rain Main"

Natürlich darf in dem Buch auch die bekannteste Darstellung eines Autisten nicht fehlen, jene des "Rain Man". Merkl sieht diesen Film durchaus ambivalent. Er sei zwar "sehr gut gemacht" und habe das Thema Autismus auf die gesellschaftliche Agenda gesetzt, doch ist die dargestellte Figur absolut nicht repräsentativ für die meisten Autisten. "Ich habe mich in diesem geistig behinderten Autisten damals überhaupt nicht wiedererkannt", so Merkl.

"Rain Man" habe zudem Klischees von "sensationellen Inselbegabungen" in die Welt gesetzt, die aber fast kein Autist habe. Er selbst könne zwar mehrere Bücher pro Tag lesen und sich den Inhalt gut merken. "Ich habe ungefähr 20.000 Bücher im Kopf, aber nicht wörtlich." Von einem fotografischen Gedächtnis sei er weit entfernt. Hingegen gebe es "kaum einen Filmautisten, der kein fotografisches Gedächtnis hätte - völliger Quatsch. Das ist eine Allzweckwaffe für jeden Drehbuchautor, aber in der Realität gibt es das fast nie."

"Habe im Jahr 1985 aufgehört fernzusehen"

Für sein Buch musste sich Merkl einem Medium widmen, das er davor jahrzehntelang gemieden hatte. "Ich habe im Jahr 1985 aufgehört fernzusehen", erinnert er sich. Der Anlass sei die Einführung des Privatfernsehens gewesen, "das war mir einfach zu viel, dieser ganze Blödsinn Tag und Nacht". "Im Vorbeigehen" habe er dann aber bei seiner Frau mitgeschaut, wenn ihn eine Fernsehsendung interessiert habe. "Und lustigerweise sehe ich im Rückblick, das waren alles Serien, in denen Menschen mit autistischen Zügen vorkommen." Das Paradebeispiel dafür sei Raumschiff Enterprise gewesen, mit dem Vulkanier Mr. Spock als hochfunktionalem Autisten.

"Total Strangers" ist eigentlich ein Spinoff von Merkls erstem Buch "Die unglaubliche Welt genialer Menschen mit Autismus", in dem er historische Persönlichkeiten porträtierte, die höchstwahrscheinlich Autisten waren. Neben Jefferson, Einstein und Ludwig van Beethoven wollte der Autor ursprünglich auch fiktionale Charaktere wie Mr. Spock und Sherlock Holmes porträtieren, doch wollte der Verlag diese in einem zweiten Buch behandelt sehen. Dafür habe er sich dann alle Filme mit autistischen Hauptfiguren ansehen müssen. "Wenn ich gewusst hätte, wie viele es gibt, hätte ich mich nicht darauf eingelassen", sagt Merkl. Es seien 300 Spielfilme und 70 Serien mit 5.000 Episoden. Insgesamt habe er sich 1.200 Filme und Serienepisoden angeschaut.

In der Populärkultur würden die Eigenheiten von Autisten meist positiv dargestellt. Man sehe nur "Cute autism" ("Ach-wie-süß"-Autismus) und Hochbegabungen, nicht aber Wutausbrüche und Probleme im sozialen Umgang. Die besten Darstellungen von Autisten seien jene, bei denen Schauspieler, Drehbuchautoren oder Regisseure einen persönlichen Bezug zu einer Person mit dieser neurologischen Besonderheit haben, so Merkl. Als Beispiel nennt er Filme von Paul Thomas Anderson wie "Punch-Drunk Love" aus dem Jahr 2002, in dem Adam Sandler einen Autisten spielt. "Leider kennt diesen Film fast niemand." Mittlerweile gebe es in Hollywood aber ohnehin das ungeschriebene Gesetz, dass autistische Filmfiguren ausschließlich von wirklich autistischen Schauspielern dargestellt werden müssen. "Das finde ich jetzt auch wieder ein bisschen zu übertrieben und zu gut gemeint, weil Dutzende von Schauspielern bewiesen haben, dass man nicht selbst autistisch sein muss." Wichtig sei vielmehr ein guter Drehbuchautor.

Keine "Modediagnose"

Merkl kritisiert, dass autistische Filmfiguren lange Zeit nicht als solche ausgeschildert worden seien. Damit habe man einen "Riesenschaden angerichtet". Viele Betroffene hätten nämlich ihre eigene Diagnose viel früher bekommen können, wenn sie gewusst hätten, dass die ihnen ähnelnden fiktionalen Figuren autistisch sind. "Das war ein ganz, ganz großes Versäumnis der letzten Jahrzehnte."

Merkl tritt auch dem Eindruck entgegen, dass Autismus heute eine "Modediagnose" sei. Die enorme Steigerung von Autismusdiagnosen liege daran, dass Leute, die früher einfach nur für "Spinner" gehalten worden seien, zur Psychotherapeutin gehen und sich testen lassen. Die Tests seien standardisiert, das ist "nicht irgendwie geraten oder geschätzt. Das geht nach ganz strengen Kriterien. Es gibt nicht heute zu viele Diagnosen, es gab früher zu wenige." Auch bei einer Figur wie Sherlock Holmes habe im 19. Jahrhundert "kein Mensch im Traum an Autismus gedacht", obwohl er von Autor Arthur Conan Doyle "wie aus dem Diagnose-Lehrbuch beschrieben" worden sei. Conan Doyle habe nämlich einen autistischen Medizinprofessor gekannt, nach dessen Vorbild er Sherlock Holmes charakterisierte.

Der deutsche Autor denkt indes bereits über ein drittes Buch nach. Er habe nämlich "unheimlich viel Material" über Autismus gesammelt. Was genau, sei noch nicht klar. Ihm schwebe ein Buch vor, in dem er anhand von tagtäglichen Ereignissen zeige, "wie Autisten das lösen würden". Autisten seien nämlich zwar "furchtbar langweilig und kopflastig, können Probleme aber oft sehr kreativ lösen". Das Buch könnte eine Anleitung für normale Menschen sein, "sich nach diesen autistischen Strategien zu richten. Aber das ist natürlich schwer, wenn man da als Besserwisser rüberkommt", gewährt Merkl Einblicke in seinen Nachdenkprozess. Eines scheint gewiss: Gehaltvoll, akkurat und auch lesenswert wird sein nächstes Buch gewiss.

(Das Gespräch führte Stefan Vospernik/APA)

( S E R V I C E: Ulrich Merkl: Total Strangers. Autismus in der Popkultur: Medien, Mythen, Menschen. Patmos Verlag. 352 Seiten, 25 Euro ISBN 978-3-8436-1611-9)

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