"Geil Hitler!": "Er ist wieder da" im Theater der Jugend
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von Agenturen"Er ist wieder da": Stefano Bernardin als Er
Bild: APA/APA/TdJ/Rita Newman/Rita Newman
Applaus für eine Hitler-Rede? Stefano Bernardin schafft dieses Kunststück am Samstagabend im Wiener Renaissancetheater gleich mehrfach. In Thomas Birkmeirs Bühnenfassung von Timur Vermes' 2012 erschienenem Erfolgsroman "Er ist wieder da", spielt er diesen "Er" so überzeugend, dass man immer wieder verblüfft wird, wie sehr die alte Masche auch in der neuen Zeit funktioniert: "Wir gegen die" lautet die Parole, mit der man Gehör finden und an die Macht kommen will.
Dieser "Er" nennt sich Adolf Hitler, was ihm Klickzahlen und Quote bringt und ihm Narrenfreiheit sichert - schließlich geht alle Welt davon aus, dass es sich bei ihm um einen raffinierten Comedian handelt. Satire und Kunst sind schließlich frei. Der Witz ist: Es ist der Führer selbst, der im Berlin der Gegenwart erwacht, erstaunt feststellt, dass der Krieg vorbei und er heil geblieben ist, und der sich als unglaublich lernfähig erweist.
Der Führer im "Internetz"
Die Chancen von Fernsehen und "Internetz" erkennt er auch ohne Propagandaminister Goebbels - und er versteht sie, raffiniert zu nutzen, indem er sich nicht verstellt und die Menschen dort "abholt", wo sie schon in den 30er-Jahren zu holen waren: bei der Unzufriedenheit mit ihrer Lebenssituation und dem Hass auf jene, die angeblich dafür verantwortlich sind. In den bittersten Momenten der Aufführung gelingt es ihm, die Alleinverantwortung für das ihm Vorgeworfene abzulehnen: Er sei demokratisch gewählt worden und sein Programm für alle von Anfang an nachzulesen gewesen.
Auch Stefano Bernardin ist "wieder da", nämlich am Theater der Jugend, wo er vor über 20 Jahren mit einem Nachwuchs-Nestroy in einer Birkmeir-Inszenierung ausgezeichnet wurde. Er hat sich eine Kunstfigur erarbeitet, die nur wenige Facetten der historischen Vorlage aufweist und jede Karikatur vermeidet. Sein Er ruht in sich, wirkt im Umgang mit Frauen und der Technik immer wieder unsicher, in der Erinnerung sentimental ("Eva, wo mag sie sein?") und im Großen und Ganzen nicht unsympathisch. Dass er keinerlei Reue zeigt und rhetorisch ganz auf der Höhe ist, macht ihn gefährlich. Die Reden, mit denen er sich in als neuer Comedy-Star an die "deutschen Volksgenossinnen und Volksgenossen" wendet, sind gespenstisch.
Ohne Führerschein im Mercedes-Cabriolet
Thomas Birkmeir, seit 2002 künstlerischer Direktor des Theaters der Jugend, verabschiedet sich mit dieser Inszenierung und zeigt noch einmal erfolgreich, wie er Theater verstanden hat: als moralische Anstalt, als Vermittler zwischen den Lehren der Geschichte und heutigen Problemen, als Warnung vor Entwicklungen, die man aufhalten sollte, ehe es zu spät ist. Sam Madwar hat ihm dafür ein modernes, überaus funktionales Bühnenbild aus vielen einzelnen, verschiebbaren digitalen Paneelen zur Verfügung gestellt, die rasch die unterschiedlichsten Schauplätze definieren und auch eine Autofahrt - der Führer hat keinen Führerschein, aber einen Chauffeur - im Mercedes-Cabriolet simulieren können.
Rund um Bernardin ist ein engagiertes Ensemble voll bei der Sache. Victoria Hauer und Thomas Höfner werden als erste Gefolgsleute angeworben und zeigen sich bald begeistert ("Geil Hitler!"), Martin Bermoser, Simone Kabst und Clemens Matzka sind als Vertreter einer gewissenlosen Spaß- und Mediengesellschaft recht nahe am Klischee angesiedelt, Barbara Spitz vertritt die einzige Gegenposition, die früheren und künftigen Opfer.
Die Aufführung endet mit einer bösen Pointe: Hitler wird von Rechtsradikalen, die nicht zulassen wollen, dass man sich über den Führer lustig macht, zusammengeschlagen - und in der Folge zum Helden aller antifaschistischen Parteien. Am Krankenbett formiert sich die Gefolgschaft. Für die Zeit bis zur Rückkehr auf die Bühne hat man bereits einen Plan. Der Führer, schließlich Autor eines Millionen-Bestsellers, soll ein Buch schreiben. Arbeitstitel: "Es war nicht alles schlecht." - Großer Jubel für eine beklemmenden Abend.
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E - "Er ist wieder da" von Timur Vermes in einer Bühnenfassung von Thomas Birkmeir, Regie: Thomas Birkmeir, Bühnenbild: Sam Madwar, Kostümbild: Irmgard Kersting. Mit Stefano Bernardin, Victoria Hauer, Martin Bermoser, Simone Kabst, Barbara Spitz, Clemens Matzka und Thomas Höfner. Theater der Jugend im Renaissancetheater, Wien 7, Neubaugasse 36, für Jugendliche ab 13 Jahren und Erwachsene, Vorstellungen bis 29. April, https://www.tdj.at/spielplan/spielplan-2025/2026/s/er-ist-wieder-da )
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