Ghanas Deponie Agbogbloshie als ungewolltes Symbol
Veröffentlicht:
von Agenturenk
Bild: APA/APA/AFP/CRISTINA ALDEHUELA
Die Worte "Elektroschrott" und "Ghana" rufen gewisse Assoziationen von riesigen Müllbergen und giftigen Dämpfen hervor. Denn mit solchen Bildern ist die Deponie Agbogbloshie in der ghanaischen Hauptstadt Accra global bekannt geworden - und zum Symbol für dieses Phänomen. Die in einer informellen Siedlung gelegene Deponie, die vor allem von Menschen aus dem Norden des Landes oder Nachbarstaaten bewohnt wird, offenbart sozusagen das Ende der Lebenszyklen unserer Elektrogeräte.
Über die Deponie entstand zum Beispiel der österreichische Dokumentarfilm "Welcome to Sodom" (2018) und zahlreiche Pressefotos und Reportagen stellten das Gelände nah an der Südküste des Landes ins Zentrum. Und Elektroschrott wird immer mehr, wie der "Global E-Waste Monitor" (2024) der UNO erneut aufzeigte. 62 Millionen Tonnen an derartigem Abfall (englisch: E-Waste) fielen etwa im Jahr 2022 an - ein Anstieg um 82 Prozent im Vergleich zu 2010. In der Zusammensetzung bestand der Großteil des Abfalls 2022 dabei aus Metallen (31 Mio. Tonnen), gefolgt von Kunststoffen (17 Mio. Tonnen). Die verbleibenden 14 Mio. Tonnen setzen sich aus weiteren Materialien wie Mineralien, Glas, Verbundwerkstoffen zusammen. Geht diese Entwicklung weiter, ist laut UNO-Angaben 2030 mit 82 Millionen Tonnen E-Schrott zu rechnen.
Globale Recyclingquote unter 25 Prozent
Gering ist jedoch die Recyclingquote. So beträgt der Anteil an offiziell gesammeltem und recyceltem Elektronikschrott laut dem "E-Waste Monitor 2024" der UNO selbst in Europa nur knappe 43 Prozent. Das ist aber die höchste Quote aller Kontinente, die in den beiden "schwächsten", Asien und Afrika, nur bei 11,8 bzw. bei 0,7 Prozent liegt. (Zahlen jeweils für 2022). Global betrug jener Anteil, der als ordnungsgemäß gesammelt und recycelt dokumentiert wurde, nur 22,3 Prozent.
Zu den verbleibenden 77,7 Prozent, die außerhalb des formellen Systems ohne Einhaltung von Vorschriften entsorgt werden, heißt es in dem Bericht, dass so "jährlich 58.000 Kilogramm Quecksilber und 45 Millionen Kilogramm Kunststoffe, die bromierte Flammschutzmittel enthalten" in die Umwelt gelangen. Neben zum Teil schweren Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit der Menschen, die zu großen Teilen jene im globalen Süden betrifft, bedeutet es auch eine Verschwendung von knapper werdenden Ressourcen. Die geringe Recyclingquote bedeutet dabei, dass ein Großteil der alten TV-Geräte, Smartphones oder PCs irgendwo verloren geht - sie bleiben etwa einfach im Haushalt liegen.
"Verloren gehen" kann dabei auch bedeuten, dass diese Geräte als "untested devices" (ungeprüfte Geräte, Anmerkung) etwa in einer Containerladung im Hafen von Accra wieder auftauchen. Das österreichische Unternehmen Refurbed stellt dazu fest, dass zwar seit Jänner 2025 eine Novelle der EU-Verordnung "Waste Shipments Regulation" das Exportieren von gefährlichem Elektronikschrott in Nicht-OECD-Länder verbietet, jedoch Falschangaben in der Praxis weiterhin bestehen und die Vorgaben so umgangen werden.
Elektroschrott als Exportschlager
Ghanas Regierungsverantwortliche sind sich dem Problem "Elektroschrott" zumindest bewusst. So wurde 2016 eine entsprechende Regulierungsrichtlinie verabschiedet. Es wird seither versucht mit Schulungen oder Anreizsystemen das Verbrennen von Elektro- und Elektronikgeräten zu reduzieren. 2021 griff die damalige Regierung zu einem radikaleren Ansatz, indem Agbogbloshie mehr oder weniger geräumt werden sollte - nicht zuletzt, um dem eingangs erwähnten schlechten Image etwas entgegenzusetzen. Wirklich verändert hat das nichts, die Schrottberge wuchsen nach, der laufende Nachschub aus anderen Kontinenten sorgte dafür.
Die NGO Südwind zog zur Räumung jedenfalls eine vernichtende Bilanz, nachdem sie gemeinsam mit dem ghanaischen Umweltjournalisten und -aktivisten Mike Anane die Lage vor Ort beurteilte und zu dem Schluss kam, dass weiterhin containerweise E-Schrott im Hafen von Accra lande. Dieser würde "weiterhin unter gesundheitsschädlichen Bedingungen nun auf kleineren Deponien im ganzen Land zerlegt", wie Anane damals feststellte.
Produzenten in die Pflicht zu nehmen
Im Gespräch mit der APA sah Südwindsprecher Vincent Sufiyan die Lösung für die globale Elektroschrottproblematik darin, die Produzenten der Geräte selbst in die Pflicht zu nehmen. Stichwort ist hier die erweiterte Herstellerverantwortung (EPR - Extended Producer Responsibility), die für den gesamten Lebenszyklus der Produkte gelten soll, was auch Recycling und Entsorgung umfasst. Die Vergangenheit hat dabei gezeigt, dass die Realisierung höherer Standards dann am besten funktionieren würde, wenn Unternehmen diese selbst setzen und so auch ihre Konkurrenten unter Zugzwang setzen.
Elektroschrott ist jedenfalls ein Exportschlager. Laut UNO-Bericht wurden 2022 5,1 Milliarden Kilogramm davon grenzüberschreitend transportiert, "schätzungsweise 3,3 Milliarden Kilogramm im Rahmen unkontrollierter und undokumentierter grenzüberschreitender Verbringungen aus Ländern mit hohem Einkommen in Länder mit mittlerem und niedrigem Einkommen". Das sind rund zwei Drittel der grenzüberschreitenden Verbringung von Elektroschrott weltweit.
Kaputte "Gebrauchtware"
Dass mit den "untested devices" nicht nur gebrauchte, aber funktionstüchtige Geräte in Staaten wie Ghana geraten, ist eine Tatsache. Laut einer Interpol-Erhebung enthält fast jeder dritte kontrollierte Container aus der EU nicht funktionierende Elektrogeräte, die fälschlicherweise als "Gebrauchtware" eingestuft wurden. Das ist laut Südwind unter anderem darauf zurückzuführen, dass bereits in Europa mangelnde Kontrollen bei der Verschiffung herrschen.
Am Hamburger Hafen, dem drittgrößten Hafen Europas, zeigte sich in der Südwind-Erhebung 2021, dass alleine vom Personal her zu geringe Ressourcen vorhanden waren, um effektive Kontrollen zu ermöglichen. "Und die Händler kaufen solche Ladungen oft auf gut Glück", so Sufiyan. Die NGO spricht sich jedenfalls grundsätzlich gegen den Export von E-Waste in den globalen Süden aus.
(S E R V I C E - UNO Global E-Waste Monitor: https://go.apa.at/XSesEkUy, UNDOC-Bericht: https://go.apa.at/U6OYnk3c, FATF-Bericht: https://go.apa.at/Jq158IRp, Enact-Africa-Bericht: https://go.apa.at/ObyLPuVg,)
Mehr entdecken

Blau-Weiß vor Showdowns mit WAC im Abstiegskampf in Schuss

Schülerlaptops bekommen jetzt besseren Jugendschutz

Kein Durchbruch bei Verhandlungen USA-Iran

Peruaner wählen neues Staatsoberhaupt

Artemis-2-Astronauten: Erde ist wie "Rettungsboot" im All

Mehr als 500 Festnahmen bei Pro-Palästina-Demo in London
