Indischer Premier hat große Pläne für sein Land
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von AgenturenDem Bild eines friedlichen Guru wird Modi nicht immer gerecht
Bild: APA/APA/AFP/BIJU BORO
Narendra Modi hat große Ambitionen, aber nicht für sich selbst. So lautet zumindest die Erzählung, die der indische Premierminister gerne über sich hört. Der Aufstieg Indiens zur Industriemacht ist nicht das einzige Ziel, das der hindu-nationalistische Politiker verfolgt. Das Herkunftsland der Geisteslehre Yoga soll nach seinem Willen auch eine Art globaler Guru ("Vishwaguru") werden, der Frieden und Brüderlichkeit in die Welt bringt.
Tatsächlich tritt der 75-Jährige bei internationalen Treffen bevorzugt als weiser Führer auf. Seine Rede beim UNO-Klimagipfel in Glasgow 2021 leitete er mit einem Mantra ein. "Ich versuche, an 300 von 365 Tagen im Jahr Yoga zu praktizieren", soll Modi einmal gesagt haben.
Auch privat führt er das Leben eines hinduistischen Mönchs, und das wäre er auch gerne geworden - doch lehnte ihn die Ramakrishna-Mission ab. Seine im Alter von 18 Jahren geschlossene Ehe soll er niemals vollzogen haben. Vielmehr verließ er seine Frau Jashodaben nach wenigen Wochen, weil er in der radikalen, hinduistischen Organisation RSS Karriere machen wollte. Diese erwartet von ihren Funktionären nämlich Enthaltsamkeit.
Nach drei Wahlsiegen ebenbürtig mit Staatsgründer Nehru
Modi wurde im September 1950 im westindischen Gujarat geboren, drei Jahre nach der Unabhängigkeit des Landes von Großbritannien. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und verdingte sich in seiner Jugend wie sein Vater als Teeverkäufer. Nachdem ihm die Mönchslaufbahn verwehrt wurde, verlegte er sich auf die Politik. Im Fernstudium erwarb er einen Abschluss in Politikwissenschaft und trat im Jahr 1985 - inmitten der innenpolitischen Turbulenzen nach der Ermordung von Premierministerin Indira Gandhi durch ihre Sikh-Leibwächter - der hindu-nationalistischen Bharatiya Janata Partei (BJP) bei.
1998 zum BJP-Generalsekretär aufgestiegen, verdingte sich Modi zunächst in der Regionalpolitik von Gujarat. 2001 wurde er zum Regierungschef der an Pakistan angrenzenden Region mit 60 Millionen Einwohnern. Mit seiner zupackenden Art empfahl er sich für höhere politische Weihen. Tatsächlich gelang der BJP unter seiner Führung im Jahr 2014 ein Erdrutschsieg bei der indischen Parlamentswahl.
In den Jahren 2019 und 2024 folgten weitere Wahlsiege, womit Modi mit dem legendären Staatsgründer Jawahral Nehru gleichzog. In seiner dritten Amtszeit will der Regierungschef Indien nun so aufstellen, dass es zur 100-Jahr-Feier seiner Unabhängigkeit als Industrieland gilt. Die Wirtschaft soll bis 2047 um das Achtfache steigen, das Pro-Kopf-Einkommen um das Siebenfache. Auch einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen strebt Modi für sein Land an. Diesem Ziel widme er alles. "Deshalb arbeite ich rund um die Uhr für 2047."
"Indien muss nur Indien werden"
Außenpolitisch positioniert Modi sein Land betont selbstbewusst. "Indien muss nichts anderes werden. Indien muss nur Indien werden. Das ist nämlich ein Land, das früher einmal der goldene Vogel genannt wurde", erinnert Modi an das goldene Zeitalter Indiens vor der Kolonialära, als die Wirtschaftskraft des Subkontinents größer war als jene Westeuropas und ein Drittel der gesamten Weltwirtschaft ausmachte.
Nachdem ihn westliche Politiker zunächst auf Distanz hielten, zählt Modi mittlerweile zu den populärsten Weltführern. Spitzenpolitiker aus aller Welt geben sich in Neu-Delhi die Klinke in die Hand, um ein Stück vom immer größeren Kuchen in der boomenden Volkswirtschaft zu bekommen. Als großer Erfolg gilt der Abschluss eines Handelsabkommens mit der Europäischen Union im Jänner, die eine Freihandelszone für zwei Milliarden Menschen schaffen wird.
Zurückdrängung des Kastensystems als große Errungenschaft
Kritiker werfen ihm freilich vor, Nicht-Regierungsorganisationen, freie Medien und auch religiöse Minderheiten wie Muslime und Christen zu unterdrücken. Muslime fühlen sich in Indien "als Bürger zweiter Klasse", räumt der Politikwissenschafter Constantino Xavier im Gespräch mit Journalisten in Neu-Delhi ein. Was die kritischen Menschenrechts-, Demokratie- und Medienfreiheitsindizes betrifft, müsse man aber berücksichtigen, "dass fast alle davon im Westen erstellt wurden". Auch sei es falsch, Modis Indien mit China in einen Topf zu werfen, betont er.
Als große Errungenschaft Modis gilt die Zurückdrängung des Kastensystems, wozu der Premierminister auf zweierlei Weise beigetragen hat. Einerseits, indem er persönlich als Angehöriger einer niedrigeren Kaste den Aufstieg bis an die Spitze der Hindu-Partei BJP schaffte. Andererseits durch die wirtschaftliche Entwicklung, die das Kastenwesen im gesellschaftlichen Leben pulverisiert. "Früher hat man mit Angehörigen einer unteren Kaste nicht einmal gesprochen. Jetzt können diese sich einen BMW kaufen, auf Urlaub nach Dubai fahren und diesen Leuten so den Mittelfinger zeigen", sagt Xavier.
Pogrome in Gujarat als schwarzer Fleck auf der Weste
Modis Anspruch als friedlicher Guru ist freilich schwer durchzuhalten. Ein schwarzer Fleck auf seiner Weste sind die Pogrome von Gujarat während seiner Amtszeit als regionaler Regierungschef im Jahr 2002. Damals starben Schätzungen zufolge fast 2.000 Menschen bei Gewalt zwischen Hindus und Muslimen, ausgelöst durch einen Zugbrand, bei dem 59 hinduistische Pilger aus der Stadt Ayodhya gestorben waren. Modi wurde beschuldigt, die Gewalt gegen Muslime angezettelt oder zumindest geduldet zu haben.
Kritiker werfen Modi vor, Indien zu einem rein hinduistischen Staat umbauen zu wollen. Wenige Monate vor der Parlamentswahl 2024 eröffnete Modi in der heiligen Stadt Ayodhya einen neuen Hindu-Tempel genau an jener Stelle, an der hinduistische Fanatiker 1992 eine jahrhundertealte Moschee aus der Mogulzeit zerstört hatten. Der Bau des Tempels sei der Beweis, dass Indien "die Mentalität der Sklaverei" überwinde, sagte der Regierungschef. "Die Nation ist dabei, eine neue Geschichte zu schreiben."
Auch im Konflikt mit dem muslimischen Nachbarland Pakistan tritt Modi alles andere als versöhnlich auf. Nach einem Terroranschlag auf Urlauber in der umkämpften Region Kaschmir führte er im Vorjahr einen kurzen Krieg gegen den Erzfeind. Im Westen wird Modi zudem vorgehalten, zur russischen Aggression gegen die Ukraine zu schweigen. Mehr noch, Indien ist einer der Nutznießer des Konflikts, nimmt es doch russisches Öl zu günstigen Preisen ab. Doch Modi lässt sich davon genauso wenig beirren wie an der Kritik an seiner "Bromance" mit dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu. Die Beziehungen mit Israel, glaubt Modi, lassen sich von der Palästinenser-Frage "entkoppeln".
(Von Stefan Vospernik/APA)
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