Jubiläumsschau zu 150 Jahre NHM mit kritischem Rückblick

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von Agenturen

Die Jubiläumsschau des NHM will mit bekannten Sehgewohnheiten brechen

Bild: APA/APA/NHM Wien/Chloe Potter


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Das Naturhistorische Museum Wien feiert heuer sein 150-jähriges Bestehen und hält in seiner Jubiläumsausstellung "Gutes Sammeln - Böses Sammeln" eine kritische Rückschau auf seine Geschichte. In der Schau wird die Lust am Sammeln und die Freude am Erforschen den Schattenseiten wie koloniale Aneignung, Enteignung oder der ethisch bedenklichen Vergangenheit von Objekten gegenübergestellt. Die Devise für die Ausstellungsgestaltung sei dabei "Punk, nicht Biedermeier" gewesen.

Am 29. April 1876, also vor genau 150 Jahren, gründete Kaiser Franz Josef I. mit seiner Unterschrift das NHM, einen Tag später berief er den Geologen Ferdinand von Hochstetter zu dessen ersten Intendanten. Zu diesem Zeitpunkt befand sich das Gebäude an der Ringstraße erst im Bau, eröffnet wurde es 1889. Das "dem Reiche der Natur und seiner Erforschung" gewidmete Haus ist heute mit rund 30 Millionen Sammlungsobjekten und mehr als 974.000 Besuchern (2025) eines der weltweit bedeutendsten naturwissenschaftlichen Museen.

Finstere Seite des Sammelns

"Wir wollten für die Jubiläumsschau nichts Historisches, sondern die Begeisterung für das Forschen, das unser Team durchdringt, zeigen, aber auch die zweite, finstere Seite des Sammelns thematisieren", erklärte Mathias Harzhauser, Direktor der Geologisch-Paläontologischen Abteilung des NHM, am Dienstag bei der Presseführung. Für NHM-Generaldirektorin Katrin Vohland vermittelt die Ausstellung "nicht nur Wissen, sondern schult auch in einer wichtigen Kompetenz unserer Demokratie, im Aushalten von Uneindeutigkeit, Widersprüchen und Zielkonflikten". Anhand einzelner Objekte könne man lernen, dass sie "zu unterschiedlichen Zeiten von unterschiedlichen Menschen und in unterschiedlichen Kontexten unterschiedlich bewertet werden".

Mit "starken Bildern" und der Devise für die Ausstellungsgestaltung "Punk, nicht Biedermeier" (Harzhauser) gelingt der bis 27. Juni 2027 geöffneten Ausstellung durchaus, diesen Anspruch für das akademisch anmutende Thema "Gutes Sammeln - Böses Sammeln" zu erfüllen. Natürlich wird im Eingangsbereich auch die Geschichte des Hauses thematisiert, aber wie bei vielen anderen Aspekten durchaus mit Augenzwinkern - etwa der Gegenüberstellung eines der 160 historischen Spucknäpfe, die früher in den Sälen des Museums standen, mit dem bewahrten Handabdruck einer Klimaaktivistin, die sich 2022 im Dinosauriersaal festgeklebt hat.

Größtes Alkohollager des Landes

Solche ironische Brechungen setzen sich im ersten großen Ausstellungssaal fort, der sich der Frage widmet: "Wozu Sammeln?". Neben dem "Turm der Vielfalt" findet sich etwa eine an eine schicke Barwand erinnernde "Typus Bar". Doch bei näherer Betrachtung entpuppen sich die vermeintlichen Getränkeflaschen als in Alkohol konservierte Präparate für die wissenschaftlich wichtige Typenbestimmung. Apropos: Auf einer Wimmelwand erfährt man auch, dass das NHM mit seinen rund 80 Tonnen Alkohol für Nasspräparate wohl das größte Alkohollager des Landes ist.

Die Ambivalenz des Sammelns offenbart sich an mehreren Objekten, die zeigen sollen, wie Österreich von kolonialen Netzwerken profitiert hat, sowie an verschiedenen Verstrickungen des Museums und seiner Sammlungen in der NS-Zeit: So werden Funde von archäologischen Grabungen in einem spätbronzezeitlichen Gräberfeld in den Jahren 1941-1943 durch Häftlinge im KZ Gusen ebenso gezeigt wie Präparate und eine Publikation über Vogelbeobachtungen aus dem KZ Auschwitz durch den Angehörigen der Waffen-SS und Ornithologen Günther Niethammer.

Ein Arcade Game in der Schau, das die Jagd-Leidenschaft der Habsburger aufs Korn nimmt, soll zumindest bei Erwachsenen bewusst "Unwohlsein" auslösen, so Harzhauser. Hat doch etwa Thronfolger Franz Ferdinand in seinem knapp 50-jährigen Leben über 274.000 Tiere erlegt - einige Bälge davon finden sich auch heute noch im NHM. Welche Probleme das Sammeln mit sich bringt, zeigt eine Vitrine mit lebenden Speckkäfern, die im Laufe der Ausstellung wohl das große Stück Anakonda-Fleisch ratzeputz verzehren werden.

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Janusköpfigkeit von Objekten

Im zweiten großen Saal der Ausstellung wird die Janusköpfigkeit verschiedener Objekte thematisiert. So soll eine große Neuinterpretation der Venus von Willendorf nicht nur die Perspektive ihres Weltruhms zeigen, sondern auch ihre anderen Seiten als Vorlage für Vibratoren oder Zuckerln oder Ikone der Body-Positivity-Bewegung. Eine entscheidende Frage für ein Museum - "Was darf man zeigen?" - wird anhand mehrerer Objekte thematisiert: Während mittlerweile menschliche Überreste in Museen nur mehr als Repliken gezeigt werden, ist in der Schau "ausnahmsweise" ein originaler 30.000 Jahre alter Homo Sapiens-Schädel zu sehen. "Wir wollen die Menschen zum Nachdenken bringen, ob sie so etwas sehen wollen", sagte Harzhauser.

Den Abschluss der Schau bildet ein Kabinett mit interaktiven Animationen hochauflösender 3D-Modelle von Sammlungsobjekten. Besucherinnen und Besucher werden damit mit der Frage entlassen, ob solche digitalen Objekte ein adäquater Ersatz für originale Objekte sein können und was das für Museen der Zukunft bedeutet.

(SERVICE - Internet: https://www.nhm.at/gutes_sammeln_boeses_sammeln )

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