Politisches Tauziehen um Picassos "Guernica"

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von Agenturen

Gemälde kann aus konservatorischen Gründen nicht mehr reisen

Bild: APA/APA/AFP/THOMAS COEX


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In Spanien ist ein politischer Streit um Pablo Picassos weltberühmtes Anti-Kriegsgemälde "Guernica" entbrannt. Die nationalistische Regionalregierung im Baskenland bat Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez um eine vorübergehende Verlegung "Guernicas" ins Baskenland.

Die hier regierenden Nationalisten (PNV) möchten das Gemälde vom 1. Oktober bis zum 30. Juni 2027 im Guggenheim-Museum in Bilbao ausstellen, um an den 90. Jahrestag der Bildung der ersten baskischen Regierung und der Bombardierung der baskischen Kleinstadt am 26. April 1937 durch die deutsche Luftwaffe zu erinnern.

1937 als Reaktion auf die Zerstörung Guernicas gemalt

Picasso malte das monumentale Ölgemälde 1937 als direkte Reaktion auf die Zerstörung Guernicas durch Hitlers "Legion Condor", die damals einen weltweiten Schock auslöste. Es war das erste Mal in der Geschichte, dass nicht militärische Ziele, sondern gezielt die wehrlose Zivilbevölkerung angegriffen wurde, um Terror zu verbreiten. Die Unterstützung des faschistischen Putsch-Generals und späteren Diktators Francisco Franco war für die Nazis eine Art "Generalprobe" für den Zweiten Weltkrieg.

Für das Baskenland ist Guernica jedoch mehr als ein Mahnmal gegen Krieg und Faschismus. Die Stadt war bereits vor dem spanischen Bürgerkrieg ein Symbol der baskischen Unabhängigkeit und Identität. Sie gilt als die "heilige Stadt der Basken", wo selbst die spanischen Könige auf die Freiheitsrechte des baskischen Volkes schworen.

Baskischer Präsident bat persönlich um Verlegung

Deshalb bat der baskische Präsident Imanol Pradales Spaniens sozialistischen Regierungschef bereits vor zwei Wochen höchstpersönlich in Madrid um die Verlegung "Guernicas" ins Baskenland. Der Protest ließ nicht lange auf sich warten. Spaniens Konservative erklärten, "Guernica" gehöre "allen Spaniern" und sei von "universeller und nicht regionaler Bedeutung". Auch die rechtspopulistische Vox-Partei ist gegen die Verlegung des Gemäldes, wittert hinter der Bitte sogar einen propagandistischen Schachzug der baskischen Unabhängigkeitsbefürworter.

Ministerpräsident Sánchez vertröstete die Basken zunächst und schob Kulturminister Ernest Urtasun den schwarzen Peter zu. Dabei war die Antwort aus dem Kulturministerium ziemlich unmissverständlich: "Wir werden ein so wichtiges Kulturgut wie Guernica nicht gefährden." Zuvor rieten die Experten des Madrider Reina Sofía Museums, wo sich das Gemälde seit 1992 befindet, in einem Gutachten von einer Verlegung des Kunstwerks ab. Grund dafür seien die "unvermeidlichen" Vibrationen während des Transports, die zu "neuen Rissen, Ablösungen und Abplatzungen der Farbschicht sowie zu Einrissen" führen könnten.

Die baskischen Nationalisten lassen aber nicht locker. Nun wollen sie erneut einen Antrag vorlegen. Diesmal aber im Senat. "Wir fordern keinen Bericht über den Konservierungszustand des Gemäldes an. Wir kennen seinen Zustand. Vielmehr fordern wir einen Bericht, der die Bedingungen analysiert, unter denen es möglich wäre, das Gemälde zu transportieren und vorübergehend ins Baskenland zu bringen", bekräftigt die baskische Regierung.

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Gemälde soll aus konservatorischen Gründen nicht mehr verliehen werden

Tatsächlich entschloss sich Madrid aber bereits vor vielen Jahren, das fast acht Meter lange und dreieinhalb Meter hohe Gemälde nicht mehr zu verleihen. Picasso malte es 1937 für den Pavillon der von Franco angegriffenen spanischen Republik auf der Weltausstellung in Paris. Danach ging es auf eine internationale Tournee durch Europa und die USA, um auf den Spanischen Bürgerkrieg aufmerksam zu machen.

Bis 1981 wurde es im Museum of Modern Art in New York ausgestellt, aber auch immer wieder ausgeliehen. Picasso verfügte, das Werk dürfe erst wieder nach Spanien zurückkehren, wenn dort Demokratie herrsche. Doch Diktator Franco starb erst 1975. Seit 1992 ist "Guernica" nun im Reina Sofía Museum installiert, das praktisch eigens dafür ins Leben gerufen wurde.

Kronjuwel des Reina Sofía Museums

Das Museum gehört mit Werken von Künstlern wie Salvador Dalí, Joan Miró, Juan Gris, Francis Bacon, René Magritte oder Max Ernst heute zu den wichtigsten Pinakotheken der Welt. Doch Picassos "Guernica", das berühmteste Anti-Kriegssymbol überhaupt, ist weiterhin das Kronjuwel. Immer wieder werden Sonderausstellungen anderer Künstler im Dialog mit dem Werk veranstaltet. Erst Ende März startete der neue Ausstellungszyklus "Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich". Dabei soll jedes Jahr das Werk eines anderen Künstlers aus einem völlig anderen Kontext Guernica gegenübergestellt werden.

Den Anfang machte man nun mit der großen Kohle- und Bleistiftzeichnung "African Guernica" (1967) des südafrikanischen Künstlers Dumile Feni. Der 1991 verstorbene Feni benutzte in Anlehnung an Picasso ebenfalls die Verzerrung von Figuren, monochrome Töne, dramatische Lichtführung, Abstraktion und die Gegenüberstellung von Tieren und Menschen. Auch er wählte dabei das monumentale Format, um die Gewalt hervorzuheben, die allen Situationen von Krieg, Diskriminierung und Unterdrückung im Laufe der Geschichte innewohnt.

In seinem Fall beleuchtete er das südafrikanische Apartheid-Regime. Diese afrikanische Version von "Guernica", die noch nie außerhalb Südafrikas ausgestellt wurde, ist noch bis zum 22. September im Reina Sofía Museum zu sehen. Ob Picassos Original nur einen Monat später tatsächlich ins Baskenland verlegt wird, ist mehr als unwahrscheinlich.

(Von Manuel Meyer/APA)

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