Wiener Festwochen schicken Trauermarsch auf Bezirkstournee
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von AgenturenClaudia Kottal und Augustin Groz
Bild: APA/APA/Apollonia Theresa Bitzan/Apollonia Theresa Bitzan
Die Wiener Festwochen haben begonnen. Parallel zur großen Jubiläumsproduktion "Das beste Stück aller Zeiten" hatte am Freitag das diesjährige "Volksstück" im Veranstaltungszentrum Brigittenau Premiere. Zwei Personen und ein Mini-Aufwand, mit dem sich in der Folge gut auf Tournee gehen lässt. "Das tragische Schicksal der Sonate Nr. 2" verhandelt Musik und Macht - und die Frage, warum sich Chopins Trauermarsch für tote Potentaten und Demokraten gleichermaßen eignet.
Nach "Die Rechnung" von Tim Etchells (2024) und "Ein gefräßiger Schatten" von Mariano Pensotti (2025) wird heuer in Koproduktion mit der Bezirkstournee des Volkstheater Wien eine Stückentwicklung der beiden in Beirut geborenen und in Berlin lebenden Theatermacher Lina Majdalanie und Rabih Mroué gezeigt. Der Ausgangspunkt der Recherche ist eigentlich schon der Höhepunkt des 65-minütigen Abends: Bei der Beerdigung des 2024 von den Israelis getötete Hisbollah-Führers Hassan Nasrallah in Beirut wurde überraschenderweise Chopins Trauermarsch gespielt, obwohl die radikalen Islamisten Musik stets bekämpft hatten.
Lecture Performance mit Musikuntermalung
Was Majdalanie und Mroué in der Folge über den dritten Satz der Chopin-Sonate, der bei der Beerdigung des Komponisten erstmals als Trauermarsch in einer Orchesterfassung gespielt wurde, herausgefunden haben, wird von Claudia Kottal und Augustin Groz in einer Art Lecture Performance mit Musikuntermalung vermittelt. Ein paar Takte an E-Piano und Cello, vor allem aber von Youtube stammende Mitschnitte beleben die Erzählungen. Denn Material haben sie genug gefunden. Nach Chopin wünschte sich sein Freund Victor Hugo die Musik zu seinem Begräbnis, danach begann eine unheimliche politische Karriere des Stücks, das u.a. auf den Beerdigungen von Stalin, Kennedy, Churchill, Tito, Breschnew, Arafat, Thatcher und Queen Elisabeth II gespielt wurde.
Das ist erstaunlich und manchmal witzig, über weite Strecken unterhaltsam und lehrreich - aber kein Stück. Für das kleine Bühnenformat braucht es das auch nicht sein, auch wenn wirkliche Überlegungen zu den Mechanismen, mit denen sich Emotion instrumentalisieren lässt und warum dieselbe Musik für Politiker und Politikerinnen aller Couleurs geeignet ist, erst spät angestellt werden. Und ganz am Ende kommt mit ein bisschen Mummenschanz und Deftigkeit auch noch das theatrale Element zum Zug. Kräftiger Schlussapplaus. Den Trauermarsch bekommt man danach allerdings nur ganz schwer aus dem Kopf.
(Von Wolfgang Huber-Lang/APA)
(S E R V I C E - "Das tragische Schicksal der Sonate Nr. 2" von Lina Majdalanie und Rabih Mroué. Regie: Lina Majdalanie, Rabih Mroué. Mit Claudia Kottal und Augustin Groz. Koproduktion von Wiener Festwochen und Volkstheater Wien. Weitere Vorstellungen bis 21. Juni an den unterschiedlichsten Schauplätzen. www.festwochen.at )
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