Zwischen Pop und Politik
Wie politisch ist der "Eurovision Song Contest"?
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von Luna BasBild: APA/HOSI/PHILIP BAUER
Bereits zum 70. Mal geht mit dem "Eurovision Song Contest" das internationale Musikspektakel der Extravaganz in Wien über die Bühne. Er gilt offiziell als unpolitischer Musikwettbewerb, der die kulturelle Vielfalt Europas feiern soll. Doch immer wieder sorgt der ESC für politische Diskussionen – so auch heuer.
Das Wichtigste in Kürze
Trotz eindeutiger Positionierung, als unpolitischer Musikwettbewerb aufzutreten, steht der Eurovision Songcontest immer wieder im Zentrum der medialen Berichterstattung.
Grund dafür sind ambivalente Handlungen, die in Bezug auf die mediale Ausrichtung Fragen aufwerfen.
Klare Positionierung - eigentlich
Laut eigenen Angaben versteht sich das Event als unpolitische Veranstaltung. Dafür sorgt vor allem eine klare Reglementierung, die Ansprachen, Gesten und anderweitige Äußerungen politischer Natur untersagt.
In der Vergangenheit ließ sich das jedoch nicht immer umsetzen: Wiederholt wurden Auftritte für politische Botschaften instrumentalisiert – sei es mit friedensstiftender oder polarisierender Absicht. So äußert sich Griechenland 1975 während seiner Performance kritisch zum Einmarsch türkischer Truppen in Nordzypern und Norwegen nutzt 1980 seine Bühnenpräsenz für einen friedlichen Protest gegen Wasserkraftwerke. Auch Nicoles Siegerhit "Ein bisschen Frieden" von 1982 zeugt von einer klaren Botschaft.
Entpolitisierung am falschen Ende
Anders als im Vorjahr, soll die Verwendung aller offizieller Flaggen heuer wieder uneingeschränkt möglich sein. Das schließt auch das Zeigen der palästinensischen oder jeglicher LGBTQIA+-konnotierten Flaggen ein, welche letztes Jahr nicht auf der Bühne demonstriert werden durften. Länderflaggen hingegen waren von dieser Regelung immer ausgenommen und auch für das Publikum galten andere Bestimmungen.
Das letztjährige Verbot stieß von Seiten der Community auf viel Unverständnis und wurde als Rückschritt im Zeichen von Inklusion und Toleranz gedeutet. So versteht sich der "Eurovision Song Contest" seit seinen Anfängen im Jahr 1956 als queeres Event und hat der Gemeinschaft in der Vergangenheit stets eine Bühne geboten.
Diversität und Vielfalt spiegeln sich nicht nur in den Teilnehmer:innen wider – die Veranstaltung lebt auch von ihren queeren Fans. Der Sieg von Conchita Wurst im Jahr 2014 war für Österreich, aber vor allem für die LGBTQIA+-Community, ein bedeutender Schritt in Richtung Sichtbarkeit.
Freunderlwirtschaft beim ESC
Liebäugeleien und Avancen zwischen einigen teilnehmenden Ländern führen dazu, dass die Punktevergabe seit Jahren ein heiß diskutiertes Thema im Hinblick auf Fairness und Neutralität im Wettbewerb ist. Nicht selten kommt es vor, dass Nachbarländer oder Staaten mit gegenseitiger Sympathie einander die Höchstwertung geben – das Baltikum oder Skandinavien sind hierfür gute Beispiele.
Auch politische Umstände können bei der Punktevergabe eine entscheidende Rolle spielen: Der Sieg der Ukraine 2022, nur wenige Monate nachdem Russland dem Land den Krieg erklärt hatte, war angesichts der Solidarität und Anteilnahme vieler Staaten kaum überraschend.
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Ambivalente Neigungen
2022 führt ein Bündnis mehrerer teilnehmender Länder, mit der Forderung eines umgehenden Ausschlusses Russlands, zu dessen Disqualifikation. Auch Israels Teilnahme ist seit dem Ausbruch des Nahost-Konflikts heftig umstritten: Trotz kritischer Stimmen im Vorfeld kann sich das Land in den vergangenen beiden Jahren, sowie auch heuer für den ESC qualifizieren. Die Europäische Rundfunkunion erklärt hierzu, dass Israel teilnehmen dürfe, da das Land durch den öffentlich-rechtlichen Sender KAN und nicht durch die Regierung vertreten werde.
Während in der Vergangenheit "Buh"-Rufe aus dem Publikum in Bezug auf Israel mit künstlichem Beifall überspielt wurden, werde hierauf bei der heurigen Übertragung verzichtet, so ORF-Programmdirektorin Stefanie Groiss-Horowitz.
Die Reaktionen der teilnehmenden Länder auf eine wiederholte Teilnahme fallen seit jeher entsprechend verhalten aus. Der diesjährige Boykott des Songcontests der Nationen Irland, Island, Niederlande, Spanien und Slowenien wirft einen Schatten auf den Bewerb. Sie begründen die Entscheidung mit dem Vorgehen Israels im Gaza-Krieg. Der Schweizer ESC-Gewinner-Act Nemo aus dem Jahr 2024 gibt aus Solidarität mit Palästina den Pokal an die EBU zurück und äußert sich in einem Instagram-Posting kritisch über den angeblichen Verrat eigener Werte.
Vergebliche Liebesmüh
Die kläglichen Versuche, die vor allem medial thematisierte Politisierung weitgehend einzudämmen, scheitern immer wieder aufs Neue. Der "Eurovision Song Contest" war schon immer politisch und er wird es auch immer bleiben.
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