Zweiter Geburtstag der 75-jährigen Wienerin in Geiselhaft
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von Agenturen++ HANDOUT/ARCHIVBILD ++ Wienerin wurde im Jänner 2025 in Agadez entführt
Bild: APA/CHRISTOPH GRETZMACHER
Die vor mehr als einem Jahr im Niger entführte Österreicherin muss einen zweiten Geburtstag in Geiselhaft verbringen. Sie wird am Mittwoch 75 Jahre alt. "Unser einziger Wunsch ist ihre sichere Heimkehr", betont ihr Sohn Christoph Gretzmacher. Das österreichische Außenministerium erklärt gegenüber der APA, mit der Familie der Entführten "mit Nachdruck und in engem Austausch das gemeinsame Ziel einer sicheren Freilassung" der Frau zu verfolgen.
Am Abend des 11. Jänner 2025 entführt
Die Wienerin lebte vor ihrer Entführung seit fast drei Jahrzehnten in Agadez am Rande der Sahara. Bewaffnete Männer drangen laut Augenzeugen am Abend des 11. Jänners 2025 in ihr Haus in der nigrischen Wüstenstadt ein. Sie verfrachteten die Frau in einen Geländewagen. Lokale Medien berichteten, dass es sich bei den Kidnappern um Kriminelle handelte, die die Österreicherin an eine terroristische Gruppe weiterreichten. Die islamistische Terrormiliz JNIM, ein regionaler Ableger der Al-Kaida, dementierte unmittelbar danach eine Beteiligung an der Tat. Allerdings sind auch andere Gruppierungen wie etwa ein Ableger des "Islamischen Staats" (IS) sowie Tuareg-Rebellen in der Region aktiv.
Ein Lebenszeichen von der Österreicherin gab es Ende April des Vorjahres, wie das nigrische Medium "Aïr Info" berichtete. Der Beweis in Form eines Fotos erreichte das lokale Infoportal am 74. Geburtstag des Entführungsopfers. Demnach sei sie trotz Geiselhaft in der Sahelregion bei guter Gesundheit.
Ähnliche Fälle
Am 13. April des Vorjahres wurde eine zweite Frau auf die gleiche Art und Weise entführt: nämlich nächtens aus ihrer Wohnung in Agadez. Vermutungen legen nahe, dass die Österreicherin und die Schweizerin nun zusammen sind. Beobachter aus der Region gehen außerdem davon aus, dass auch ein US-amerikanischer Staatsbürger mit ihnen zusammen oder von der gleichen Gruppe festgehalten wird. Der 49-Jährige war im Oktober in der nigrischen Hauptstadt Niamey verschleppt worden. Er war damals als ziviler Pilot in einer evangelischen und humanitären Mission im Sahel tätig, die den Namen Serving In Mission (SIM) trägt.
Über die Hintergründe der Entführung der Österreicherin gibt es kaum gesicherte Informationen. Die nigrischen, österreichischen und auch Schweizer Behörden halten sich bedeckt. Auch der EU-Sonderbeauftragte für die Sahelzone, João Cravinho, mahnte bei einem Wien-Besuch dazu, nicht den "Scheinwerfer" auf den Fall zu richten. Die Bemühungen um Freilassung der Geisel liefen sehr diskret. "Die Sicherheit der Betroffenen hat für uns oberste Priorität", ergänzt das österreichische Außenministerium. Das Außenamt verfolge eine "zurückhaltende und diskrete öffentliche Kommunikation, vor allem auch um die laufenden Bemühungen nicht zu gefährden".
Spitzendiplomat Launsky-Tieffenthal eingebunden
Österreich hat unmittelbar nach Bekanntwerden der Entführung im Jänner 2025 einen Krisenstab eingerichtet. Dem Gremium gehören Vertreter und Vertreterinnen des Außen-, des Innen- und des Verteidigungsministeriums an. Ebenso werde regelmäßig ein Krisenteam in die Region entsandt, "das allen Hinweisen mit Nachdruck nachgeht" sowie "auf allen Ebenen eng mit den zuständigen Behörden und Sicherheitsdiensten in der Region sowie mit EU- und weiteren Partnern" zusammenarbeite, heißt es in einer Stellungnahme gegenüber der APA. "Erfahrungen zeigen, dass derartige Entführungsfälle sehr komplex sind und ihre Lösung Zeit in Anspruch nehmen kann."
Seit dem Sommer 2025 unterstützt der Sonderbeauftragte des Bundeskanzlers für globale Angelegenheiten, Peter Launsky-Tieffenthal, auf Ersuchen von Außenministerin Beate Meinl-Reisinger (NEOS) die Bemühungen um Freilassung der Frau. Der Ex-Generalsekretär im Außenministerium und frühere Untergeneralsekretär bei der UNO in New York hat viel Erfahrung in dem Gebiet: Er war in die Befreiung des österreich-israelischen Doppelstaatsbürgers Tal Shoham aus dem Gazastreifen sowie von weiteren österreichischen Kidnappingopfern aus Afghanistan, dem Jemen, dem Iran und den Fall der Salzburger Sahara-Geiseln eingebunden.
Christoph Gretzmacher betont, es zu schätzen, dass auf diplomatischen Ebenen gearbeitet werde. Er verweist auch auf die Afrika-Strategie der Bundesregierung. "Gleichzeitig macht ein Tag wie dieser sehr deutlich, dass Zeit kein neutraler Faktor ist. Angesichts der sich massiv verschärfenden Sicherheitslage in der Region und der Eskalation zwischen den verschiedenen Akteuren vor Ort ist ein schnelles, entschlossenes, koordiniertes Handeln jetzt dringender denn je." Der Geburtstag seiner Mutter ist für Christoph Gretzmacher ein "sehr persönlicher Tag". Weil er am selben Tag Geburtstag hat, würden sie diesen "normalerweise im Kreis der Familie groß feiern".
Rekordzahl an Entführungen
Wie gefährlich die Sicherheitslage in der Sahelzone ist, hat sich erst am Wochenende erneut gezeigt. Jihadisten der Jama'at Nusrat al-Islam wal-Muslimin (JNIM) starteten gemeinsam mit der Tuareg-Gruppe Azawad Befreiungsfront (FLA) einen Aufstand. Sie griffen in Malis Hauptstadt Bamako und weiteren Städten des westafrikanischen Krisenstaates unter anderem Kasernen, Wohnhäuser des malischen Junta-Chefs und des Verteidigungsministers sowie den Flughafen an. Auch in der Region aktive russische Söldner dürften Ziel der Angriffe gewesen sein. Bei heftigen Gefechten zwischen der Armee und bewaffneten Angreifern kamen nach Armeeangaben Hunderte Kämpfer ums Leben.
Die Sahelregion verzeichnete im Vorjahr eine Rekordzahl an Entführungen. Etwa 70 Prozent der auf dem gesamten afrikanischen Kontinent erfassten Fälle ereigneten sich in den Sahelstaaten Mali und Niger. Von Anfang bis Ende November 2025 wurden in diesen beiden Ländern 30 Ausländer entführt, ergaben Analysen der Konfliktdaten-Organisation ACLED. In den Jahren davor waren es demnach jeweils weniger als vier pro Jahr. Bei den meisten Entführungsopfern handelt es sich um chinesische Arbeiter.
Einige Entführungsfälle fanden in den internationalen Medien große Beachtung. Zwei Staatsbürger der Vereinigten Arabischen Emirate - von denen einer vermutlich ein Mitglied der Königsfamilie ist - wurden Ende September in Mali entführt. Die Emiratis wurden jedoch nicht lange festgehalten. Etwas mehr als einen Monat später ließen die JNIM-Terroristen die Männer gegen ein Lösegeld in Millionenhöhe frei, berichtete die BBC. Die Nachrichtenagentur Reuters schrieb Ende Oktober von 50 Millionen Dollar (37 Millionen Pfund).
Der Hauptverantwortliche für den Anstieg bei den Entführungen im letzten Jahr war die mit Al-Kaida verbündeten JNIM. Einigen Schätzungen zufolge könnten Lösegeldzahlungen bis zu 40 Prozent der jährlichen Einnahmen von JNIM ausmachen, so der Thinktank Institute for Economics and Peace (IEP). Viele Taten gehen aber auch auf das Konto der rivalisierenden Terrororganisation Islamischer Staat in der Sahel-Provinz (ISSP). Dass es Entführern generell um Lösegeld gehe, dementiert Launsky-Tieffenthal. Es würden auch politische oder rechtliche Ziele verfolgt oder wirtschaftliche Vorteile angestrebt, berichtete der Diplomat im Gespräch mit der APA im Jänner. Österreich würde auch kein Lösegeld zahlen, ergänzt ein Insider.
Erstes EU-Entführungsopfer seit Militärputsch
Die Österreicherin gilt als erste EU-Bürgerin, die seit dem Militärputsch in Niger entführt wurde. Dort hatte das Militär im Juli 2023 den demokratisch gewählten Präsidenten Mohamed Bazoum gestürzt. Wie auch die benachbarten Militärregierungen Mali und Burkina Faso wandte sich der Niger nach der Machtübernahme durch das Militär verstärkt Russland zu und forderte im Kampf gegen den Jihadismus anwesende, westliche Truppen auf, das Land zu verlassen. Die französische Armee, die US-Armee und die deutsche Bundeswehr zogen sich daher aus dem Niger zurück. Auch die UNO-Mission in Mali MINUSMA, an der das österreichische Bundesheer ebenfalls beteiligt war, musste die Region verlassen.
In jüngster Zeit streben die isolierten Sahel-Militärregierungen jedoch eine engere Beziehungen zum Westen an. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtete unlängst, dass Mali und die USA kurz vor einem Abkommen stünden, das es Washington ermöglichen würde, wieder Flugzeuge und Drohnen über den Luftraum des westafrikanischen Landes fliegen zu lassen. Damit wollen sie Informationen über jihadistische Gruppen sammeln. Die Aufklärungsflüge sollen auch bei der Suche nach dem entführten US-Amerikaner helfen.
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