Begehbarer Thomas Bernhard-Kosmos im Literaturmuseum

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ÖNB hat den Nachlass eindrucksvoll aufgearbeitet

Bild: APA/APA/Literaturmuseum/Ingrid Bühlau


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Bernhard Fetz hat eine Mission: "Um möglichst viele Menschen ins Boot der Literatur zu holen, hatten wir den Anspruch, eine Ausstellung zu machen, die sowohl Thomas Bernhard-Kenner:innen als auch jene Menschen erreicht, die vielleicht noch nie etwas von ihm gelesen oder sogar gehört haben." Mit der Sonderschau "Dem Stumpfsinn die Geisteskappe aufsetzen" ist das dem Leiter des Literaturmuseums in Wien gemeinsam mit der Kuratorin Katharina Manojlovic eindrucksvoll gelungen.

Spaß daran zu haben, sich "komplexen Sätzen und komplexen Inhalten" (Fetz) zu widmen, ermöglicht die Schau gleich im Eingangsbereich: Hier findet sich etwa ein "Thomas Bernhard-Chatbot", der - gefüttert mit der Prosa und den Theaterstücken des Autors - KI-generierte Antworten auf jede erdenkliche Frage ausspuckt, die man auch ausdrucken und mit nach Hause nehmen kann. An der Magnetwand gegenüber darf man sich selbst an jenen Komposita-Ungetümen versuchen, für die Bernhard bekannt ist, und aus Dutzenden Wörtern wie "Schwachsinn", "Zustand", "Ohrensessel" oder "Jause" (inklusive bereitgestellter Bindelaute) Neues kreieren. Teil drei der Gamification-Offensive ist ein Multiple-Choice-"Städtebeschimpfungsquiz".

Zwischen "Welträumen" und "Lebensbahnen"

Derart in Bernhards Sprachkosmos eingesogen, geht es dann in die einzelnen Ausstellungsbereiche, in denen man den seit 2023 in der ÖNB befindlichen Nachlass aufbereitet hat. Den Anfang machen Bernhards "Welträume": Gemeint ist jener Einfluss, den der 1989 verstorbene Schriftsteller auch heute noch auf der ganzen Welt hat, ist sein Werk doch in rund 40 Sprachen übersetzt. Zu hören sind mehrsprachige Audio-Beispiele von Übersetzungen (wofür etwa Barbi Marković auf Serbisch liest), aber auch Bernhard-Referenzen von Autorinnen und Autoren zwischen Finnland und Sri Lanka, die das Forschungsprojekt "GlobalBernhard" zusammengetragen hat, werden sichtbar gemacht.

Der verschlungenen Biografie des Autors widmet man sich in den "Lebensbahnen", wo nicht nur zahlreiche bisher nie gezeigte private Fotos aus verschiedenen Jahrzehnten zu sehen sind, sondern auch Fundstücke wie ein Reisepass, in dem Bernhard als Beruf "Landwirt" angab, ein eher durchwachsenes Jahreszeugnis des Schauspielseminars am Mozarteum aus dem Studienjahr 1956/57 oder ein vom Großvater Johannes Freumbichler als "gut" befundenes frühes Gedicht, das als Lobeshymne auf Salzburg ("Du schönste Stadt am Salzachfluss, / Ich schloss dich in mein Herz") zum Schmunzeln bringt.

Bernhards Postkarten nach Ohlsdorf

Auch Bernhards zahlreichen Auslandsreisen vom Iran bis nach New York widmet sich ein Kapitel, in dem nicht nur Fotos, Briefe und ein Super-8-Film zu sehen sind, sondern auch jene Postkarten, die Bernhard an sich selbst nach Ohlsdorf schickte. "Unerwartete Berührungspunkte zwischen gedachter und gebauter Welt" bietet das Kapitel "Denkgebäude", das nicht nur Bernhards Schreib- und Lebensorte ins Licht rückt, sondern auch nachgebaute Modelle vom Turm in der Erzählung "Amras" (1964) oder dem Kegel aus dem Roman "Korrektur" (1975) ausstellt. Bernhard als souveränen Darsteller seiner selbst präsentiert unter dem Titel "Der Theatermacher" ikonisch gewordene Fotos, aber auch Kleidungsstücke des Autors. Nicht fehlen dürfen hier natürlich die berühmten "Monologe auf Mallorca" von Krista Fleischmann aus dem Jahr 1981.

Hat man sich erfolgreich durch den Bernhard-Kosmos bewegt, lädt ein "Hör- und Schauraum" schließlich zum Verweilen ein. Auf einem von Bernhard selbst designten Ohrensessel kann man über die Jahre entstandene Bernhard-Porträts der Fotografin Erika Schmied betrachten und zugleich Auszüge aus Bernhard-Lesungen anhören. Wem das alles noch nicht genug ist, bekommt mit der zur Ausstellung erschienenen gleichnamigen 380-seitigen Publikation noch eine wissenschaftliche Aufarbeitung von Bernhards Werk und Wirken mitgeliefert. Die versammelten Beiträge reichen von "Die architektonische Bildung Thomas Bernhards" (Fatima Naqi) über "Thomas Bernhard als erotischer Schriftsteller" (Renate Langer) bis zu "Das Museum in Thomas Bernhards 'Alte Meister'" (Cornelius Mitterer). Und beim Rausgehen könnte man den Chatbot noch schnell fragen: "Herr Bernhard, was halten Sie von dieser Ausstellung?"

(S E R V I C E - Ausstellung "Dem Stumpfsinn die Geisteskappe aufsetzen. Thomas Bernhard heute" im Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek. 30. April bis 21. Februar 2027. Katalog: "Dem Stumpfsinn die Geisteskappe aufsetzen. Thomas Bernhard heute", hrsg. von Bernhard Fetz, Katharina Manojlovic und Juliane Werner, Zsolnay Verlag, 384 Seiten, 39,10 Euro. https://www.onb.ac.at/museen/literaturmuseum )

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